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Die skurrilen Einfälle der kreativen Bauern

Deichkind im Interview Die skurrilen Einfälle der kreativen Bauern

Am Freitag, 22. Januar, starten Deichkind den zweiten Teil ihrer "Niveau-Weshalb-Warum"-Tour in der Kieler Sparkassen-Arena. Wir haben vorab mit der Band telefoniert.

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Berühmt für ihre unverwechselbaren, exzessiven Bühnenshows: Deichkind.

Quelle: Henning Besser

Kiel. Kindergeschrei im Hintergrund, der Nachwuchs verlangt nach Papa. Sebastian „Porky“ Dürre, Texter und MC bei Deichkind, bittet seine Gattin um Unterstützung. Eine Tür klappt, Ruhe kehrt ein, das Telefoninterview kann weitergehen. Freitag startet die erfolgreiche Hamburger Hip-Hop-Elektro-Formation Deichkind in Kiel Teil zwei ihrer Niveau-Weshalb-Warum-Tour.

Frage: Wie laufen die Proben?

Porky: Sehr gut. Wir haben mehrere Baustellen, ’ne Werkstatt in Hamburg, ’nen Proberaum auf Kampnagel ...

Ihr handwerkert auch selber?

Das macht Henning alles, Phono (Henning Besser alias DJ Phono, Regisseur der Deichkind-Shows, d. Red.). Wir haben keine Tischlereien, keine Plattenfirma, keine Produktionsfirma. Wir machen alles selber, von der Abrechnung bis zum Akkuschrauber.

Läuft live irgendwas anders als im ersten Teil der Tour?

Ein paar Sachen, aber das ist so ein eingespieltes Team, so ein Profi-Shit, das flutscht. Bamm, bamm. Ich könnte jetzt sofort auf die Bühne jumpen und ein Konzert geben.

Was ist neu?

Andere Songs natürlich.

Wer entscheidet, welchen Kurs Eure Touren nehmen?

Ich steig’ in den Bus rein und guck’ am nächsten Morgen, wo ich hinfahre. Meine Aufgabe ist es, um acht Uhr das Mikro aus dem Körbchen zu nehmen und um zehn wieder reinzulegen. Und gute Texte zu schreiben.

Was habt Ihr in der Tour-Pause getrieben? Euch erholt?

Phono arbeitet durch. Ich hab’ mit einem Buch angefangen.

Was ist das für ein Buch?

Ich hab’ so’n paar Ansätze mal abgegeben beim Verlag, die sind auf mich zugekommen, die suchen junge Autoren. Mal andere Sachen schreiben außer Deichkind. Ich kann zum Buch nicht viel sagen, weil ich noch nicht genau weiß, wo es hinführt. Es wird auf jeden Fall kein Deichkind-Buch, auch kein Roman, eher so’n Beobachterding.

Da bleibt also für jeden noch Platz für Solo-Aktivitäten ...

Auf jeden Fall. Ich spiel’ auch viel Bass, steh’ hinten mit dem Schlagzeuger und mach’ in Ruhe Musik, ohne mich komplett aufzuklappen. Meine Seele. Ein toller Ausgleich. Ich mal’ auch Bilder, ich sitz’ auch gern mal ’ne Woche rum, meine Frau ist dann manchmal ’n bisschen genervt. Aber sie kennt das schon, das ist dann wie so’n Katschi, das langsam gespannt wird.

 Bist Du bei Deichkind allein für die Texte zuständig?

 Nee, Philipp (Phillip Grütering alias Kryptik Joe, d. Red.) und ich. Ich hab’ die Flash-Ideen, er ist der konstante Motor. Wir setzen uns an einen neutralen Ort mit dem Laptop, dann wird ins Nichts geglotzt, wo die Gedanken herkommen und wohin sie auch wieder verschwinden.

Achtet Ihr gleich schon auf eine Balance zwischen Blödsinn und Gesellschaftskritik?

Du musst lernen, auszusortieren. Beim letzten Album haben wir fast 50 Songs geschrieben, bis zum Unpolitischsten, Unhörbarsten, viel zu Poppigen. Frank Zappa hat auch so gearbeitet. Oder David Bowie. Alles an die Wand werfen, und was du brauchen kannst, bleibt hängen, das kannst du ernten. Wie ein kreativer Bauer. Wir haben Datenbänke voll mit Mucke, Phillip macht rund 200 Beats im Jahr. Aber man macht dann doch immer neue Musik. Alten Kram aufwärmen, das ist nicht das Jetzt.

In einer Kritik, die Du 2008 über ein Udo-Lindenberg-Konzert verfasst hast, fand ich dieses Zitat: „Nicht nur mit Deichkind bevorzuge ich enge, verschwitzte Clubs, wo die Energie hautnah zwischen Band und Publikum fließen kann.“ Eine Sehnsucht, die heute in den großen Hallen unerfüllt bleibt?

Ja. Aber ab und zu haben wir das mal wieder, wie im Zenith in München, da gehen nur 7000 Leute rein, das ist sehr eng dann, da regnet’s wirklich von der Decke. Aber mittlerweile ist mir das wurscht. Wenn ich diese Sehnsucht hab’, geh’ ich auf ein Konzert. Letztens war ich bei Bilderbuch im Docks, das fand ich gut.

Aber die Idee, mal wieder eine Clubtour zu machen, die gibt’s bei Deichkind nicht.

 Könnten wir machen, aber was ist dann mit den ganzen anderen, die wir ausgrenzen? Ab und zu machen wir noch mal ein Clubkonzert, in Stuttgart, in der Schweiz. Ich hab’ auf jeden Fall keine Indie-Underground-Romantik in mir, das ist vorbei. Der Special-Act, den find’ ich cool, weil den noch keiner kennt, im 200er-Laden hab’ ich den gesehen – das ist mir wurscht mittlerweile, da bin ich rausgewachsen.

 Interview: Thomas Bunjes

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