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Moralisch, aber mit Humor

Uraufführung am Kieler Schauspielhaus Moralisch, aber mit Humor

Zwei Uraufführungen, ein monumentales Thema, ein Abend: Ein deutsch-israelisches Projekt steht am 15. April unter dem Titel Die Zehn Gebote als Doppelpremiere im Schauspielhaus auf dem Programm. Geschrieben als Auftragsarbeiten vom Kieler Autorenduo Feridun Zaimoglu und Günter Senkel sowie vom israelischen Autor Shlomo Moskovitz.

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Zwei Regisseurinnen, ein Bühnenbildner: Dedi Baron (li.), Annette Pullen und Lars Peter.

Quelle: Foto: Marco Ehrhardt

Kiel. Beide Stücke untersuchen aus unterschiedlichen Blickwinkeln das alttestamentarische Gesetzeswerk, das einen zentralen Eckpfeiler sowohl der jüdischen als auch der christlichen Tradition bildet. „Vorgabe war eine moderne, parabelhafte Auseinandersetzung mit dem Thema, in der alle Gebote vorkommen“, so Dramaturg Jens Paulsen.

 Annette Pullen führt Regie in dem Kieler Stück, das schon aufgrund seiner zeitlichen Verortung den ersten Teil des Abends einnimmt – es spielt zwischen 1941 und 1944 während der Belagerung Leningrads durch die Deutschen, bei der 1,5 Millionen Menschen umkamen. Die Folge aus zehn Szenen, die mit je einem Gebot überschrieben sind, wechselt zwischen den Besatzern und einer russischen Familie, die um ihr Überleben kämpft.

 „Wir können nicht abbilden, was damals in Leningrad passiert ist“, so die Regisseurin, die 2004 in Kiel bereits die Uraufführung von Zaimoglus Bühnenerstling Halb so wild inszenierte. „Wir konzentrieren uns daher auf die Familie als kleinste soziale Zelle, in der sich extreme, teils apokalyptische Dinge abspielen.“ In dem Stück, das die 42-Jährige als „sehr moralisch“ und „strukturell durch Religiosität bestimmt“ beschreibt, erzählt jede Szene von der radikalen Übertretung eines Gebotes. Dabei benutzen die Antagonisten ihren Glauben und damit Gott zur Legitimation ihres Handelns – und scheitern an der Unmöglichkeit, die eigene Moral der Realität des Krieges anzupassen. „Dennoch behaupten sie, im Recht zu sein, weil sie „auf der richtigen Seite“ stehen. Und so stellt sich die Frage, was eine Handlungsmaxime wert ist, wenn alle Werte entwertet sind.“

 Für derart große Fragen braucht die Regisseurin eine abstrakte Spielfläche, die „den Reiz einer gewissen Künstlichkeit“ nützt und auf realistische Abbildung verzichtet. Lars Peter hat einen Bühnenraum entwickelt, der für beide Stücke funktionieren soll und sich im Laufe des Abends „durch Licht und andere Materialitäten“ nur leicht verändert. „Die Akteure bewegen sich auf einer beleuchteten Glasfläche wie auf einem Tablett“, erläutert der Bühnenbildner sein Raumkonzept. „Für Illusionismus ist hier kein Platz.“

 Shlomo Moskovitz nimmt eine historische Begebenheit aus dem Libanonkrieg zum Anlass für seine Szenenfolge, die sich konkret auf die Lage in Nahost 50 Jahre nach dem Holocaust bezieht: 1982 verweigerte ein israelischer Kommandant aus moralischen Gründen den Befehl zur Belagerung von Beirut und wurde daraufhin aus der Armee entlassen. „In Bezug auf den ersten Teil zeigt der Text, dass man in einer Kette steht“, so Dramaturg Jens Raschke. Auch Moskovitz konzentriert sich auf das Persönliche, sieht die Zehn Gebote aber eher als Lebenshilfe. Vom geschichtlichen Großereignis ausgehend, zoomt er sich mit Rückblicken immer enger ans Privatleben des Protagonisten heran. „Die politische Lage in Israel ist überall bekannt. Wir wollen erzählen was es heißt, in einer solchen Situation Mensch zu bleiben und aus der Spirale von Rache und Hass auszubrechen“, sagt Dedi Baron, die als Ehefrau des Autors in die Entstehung des Textes teilweise involviert war und als Regisseurin regelmäßig am Kieler Theater zu Gast ist.

 Das Stück um den Befehlsverweigerer Adam ist vergleichsweise leicht erzählt. Hier geht es ums Verzeihen und um die junge Generation als Hoffnungsträger. Aber es geht auch um die Macht der Sprache, die ein Paradies genauso schaffen kann, wie eine Hölle. „Wir üben durchaus Selbstkritik in dem Stück, aber mit viel Liebe für unser Land. Dabei ist der Humor ein Muss“, sagt die Regisseurin aus Tel Aviv mit Blick auf den Auftritt einer weisen Eselin, die dem Protagonisten mit gesundem Bauchgefühl die richtigen Fragen stellt und ihm damit den Spiegel vorhält.

www.theater-kiel.de

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