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Traviata ohne Mätzchen

Berliner Staatsoper Traviata ohne Mätzchen

Man darf sich in Berlin auf eine „Traviata“ freuen, wo keine technischen Mätzchen vom Geschehen auf der Bühne ablenken und Giuseppe Verdis großartige Musik voll zur Geltung kommt. Die Regie an der Staatsoper im Schillertheater verantwortet Altmeister Dieter Dorn.

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Der neue Star Sonya Yoncheva als Violetta Valery.

Quelle: Bernd Uhlig

Berlin. Wer gerade erst unter Reizüberflutung gelitten hat, wer vier Videos zur gleichen Zeit hat sehen müssen und gar nicht wusste, warum das alles gezeigt wurde – wie unlängst in Kay Voges' Inszenierung des „Freischütz“ in Hannover geschehen – ,der wird Dieter Dorns Produktion der „Traviata“ an der Berliner Staatsoper zu schätzen wissen. In einem Interview mit der FAZ anlässlich seines 80. Geburtstags sagte der ehemalige Intendant des Residenztheaters in München, dass er auf der Bühne „Mätzchen nicht ertragen kann“, und fügte hinzu: „Ich will keinen Regisseur mit Video. Hinten auf der Leinwand Frau Merkel 9 x 27 Meter groß, und vorne steht der kleine Schauspieler, dem keiner mehr zusieht. Solche Reize können nicht funktionieren.“ Wie recht er hat!

 Man konnte sich also in Berlin auf eine „Traviata“ freuen, wo keine technischen Mätzchen vom Geschehen auf der Bühne ablenken und Giuseppe Verdis großartige Musik voll zur Geltung kommt. Im Zentrum der Bühne steht ein großer Spiegel, der gelegentlich den Blick frei gibt auf einen Totenschädel, der von acht Tänzern kunstvoll mit ihren Körpern gebildet wird und so den nahen Tod der Violetta Valéry leitmotivisch und emphatisch ins Bewusstsein ruft. Der eine oder andere Stuhl, einige Kissen, Tücher und ein paar sonstige Dinge – das ist schon alles, was Dorn für seine „Traviata“ braucht. So kann dann auch der Szenenwechsel schnell und plausibel vonstatten gehen, ohne dass der Fluss der Handlung unnötig unterbrochen wird. Da Dorn keine Pause zulässt, wirkt das tragische Schicksal der Violetta Valéry umso intensiver und anrührender.

 Die Kargheit der Bühne aber wird im ersten und dritten Bild aufgewogen durch üppige, farbenfrohe und sehr schicke Kostüme, die von der Demimonde lustvoll zur Schau gestellt werden. Es fehlt wahrlich nicht an exzentrischen Hüten, bemerkenswerten Fächern und exaltiert auftretenden Ballgästen. Den Vogel schießt ein älterer, elegant gekleideter Geck ab, der sich mit seinem lasziven Lover zeigt, einem großen, schlanken jungen Mann, der seine körperlichen Reize selbstbewusst zur Schau stellt. Selbst im letzten Akt, wenn ein Karnevalszug an den Fenstern der sterbenden Traviata für einige Sekunden vorbeizieht, legt Dorn Wert auf adäquate Kleidung und lässt die Karnevalisten in grell-fröhlichen Kostümen auftreten.

 Die 1981 in Bulgarien geborene Sonya Yoncheva, die in der Rolle der Violetta bereits höchst erfolgreich an der New Yorker Metropolitan Opera und der Opéra National de Paris aufgetreten ist, kann in dieser Partie auch an der Berliner Staatsoper überzeugen. Sie braucht zwar eine längere Anlaufzeit, um die Tragik der gesellschaftlich ausgegrenzten Traviata darstellerisch und gesanglich wahrhaftig zu gestalten, wirkt dann aber umso überzeugender, wenn sie ihren gesund und kraftvoll klingenden Sopran zurücknimmt und eins wird mit der Verzweiflung der vom Tode Gezeichneten, wenn sie ihre Rolle wirklich durchlebt und durchleidet: Die Freude über Alfredos Wiederkehr, das sich Klammern an falscher Hoffnung, der letzte große Aufschrei und dann das erschütternde „Oh, gioia!“ - das ist weltentrückter Gesang, das geht unter die Haut und klingt noch lange nach. Der junge marokkanische Tenor Abdellah Lasri hat eine schöne, kräftige Stimme, die aber noch nicht flexibel genug ist für die anspruchsvolle Rolle des Alfredo. Auch darstellerisch wirkt er gelegentlich etwas steif. Dagegen kann der ebenfalls recht junge, in Verona geborene Simone Piazzola als Giorgio Germont mit seinem kraftvoll-kernigen Bariton punkten, besonders natürlich bei seiner berühmten Arie „Il tuo vecchio genitor“. Hervorragend, wie er das einer Prostituierten feindlich gegenüber stehende, rigide gesellschaftliche Werte- und Normensystem in seiner Person darstellerisch und vokal verkörpert!

 Daniel Barenboim, der mit internationalen Auszeichnungen und Medaillen geradezu überschüttete Generalmusikdirektor der Staatsoper, dirigiert die Staatskapelle Berlin mit Feingefühl für subtile Farbvaleurs, sicherem Instinkt für Höhepunkte und den großen dramatischen Bogen. Das häufige Um-ta-ta integriert er nahtlos in den musikalischen Ablauf und nimmt ihm so jedwede Banalität. Sehr freundlicher Applaus, einige wenige Buhs für die Regie und Abdellah Lasri.

 Weitere Aufführungen: 22. 25. 27. und 31. Dezember www.staatsoper-berlin.de

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