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Ein Blick auf 1000 Jahre Baugeschichte

Dieter J. Mehlhorns „Architektur in S-H“ Ein Blick auf 1000 Jahre Baugeschichte

Dass Schleswig-Holstein auf der Weltkarte der Architektur keine herausragende Rolle spielt, wie es Dieter J. Mehlhorn formuliert, dürfte unstrittig sein. Das schließt nicht aus, dass einzelne Bauten im Lande auch international beachtenswert sind. In seinem Buch Architektur in Schleswig-Holstein zeigt Mehlhorn genau das in großer Spannbreite auf.

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Alt und Neu stimmig vereint auf einem Campus: Muthesius Kunsthochschule in Kiel mit dem neuen Verwaltungsgebäude (Architekten Schmieder und Dau).

Quelle: Christoph Edelhoff

Kiel. Der Architekt und Städteplaner, lange tätig im Fachbereich Bauwesen der FH Kiel und heute im produktiven Ruhestand, hat sich bewusst die ganze Baugeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, über 1000 Jahre, vorgenommen. Die Gegenwart beinhaltet für ihn auch Projekte, die noch im Bau oder gar erst geplant sind: Dafür stehen in dem 400-seitigen Band etwa das Eingangs- und Ausstellungsgebäude für das Landesmuseum für Volkskunde in Molfsee oder das Kieler Sport- und Freizeitbad an der Hörn. Im Kontrast dazu nimmt Mehlhorn in der Landeshauptstadt das Kloster mit seinen Ursprüngen im 13. Jahrhundert genauso unter die Lupe wie das Schloss, mit dessen nüchternem, aber durchdachten Neuaufbau der kritische Städteplaner durchaus sympathisiert. Wie er sich insgesamt besonders begeistert für diejenigen Bauten, die mehrere Stilepochen in sich vereinen und so Geschichte atmen. Neben dem Schloss auf historischem Grundriss stehen dafür etwa die Vicelinkirche oder ganz augenfällig die Muthesius-Hochschule, deren Campus moderne und historische Bauteile verbindet. In der starken Zurücknahme in der Gestaltung des halbrunden Bürobaus sieht Mehlhorn gar ein Kennzeichen schleswig-holsteinischer Architektur. Und deren Wesensmerkmale erläutert er auf rund 60 Seiten genau so ausführlich wie kundig, bevor er sich knapp 600 Bauten von der Marienkirche Ahrensbök bis zum Materialienhaus in Wöhrden widmet – in einer Auswahl, die naturgemäß subjektiv geprägt ist.

Da ist die Rede von der baulichen Binnendifferenzierung der Landesteile Schleswig und Holstein, vom Einfluss des Klimas auf die eher geschlossenen Bauformen, von der Dominanz des Backsteins, auch von fremden Einflüssen etwa aus den Niederlanden oder Dänemark. Das Stichwort Reduktionsgotik steht für die im Vergleich zu anderen Regionen eher karge Auslegung im Norden – dem entsprechend wird auch von „barocker Rationalität“ gesprochen. Nicht übertrieben oder kapriziös wurde im Norden gebaut, sondern eher nützlich, solide und nachhaltig: „Modernes“, so formuliert Mehlhorn zu Beginn, „das dem rauen Klima nicht entsprechende, das völlig Neue, Unerprobte, ideologisch Verdächtige, das nicht aus der Nützlichkeit Entwickelte, wurde früher wie heute nur verhalten aufgenommen“ im Norden.

Die umfassende Einführung wertet das Buch über das Nachschlagewerk hinaus deutlich auf. In der gründlich sachlichen Aufarbeitung der Objekte kann Mehlhorn auf seine Erfahrungen anderer Buchprojekte, etwa Klöster in Schleswig-Holstein (2006) oder auch Architekturführer Kiel (2010), zurückgreifen. Wo es ihm geboten scheint, steuert er kritische Einschätzungen bei. Das bezieht sich nicht nur auf Schleswigs Wikingturm oder das letztlich mehr künstlich als architektonisch kunstvoll aufgebaute Designer Outlet Neumünster. Es hätte wohl in kaum einem anderen Architekturführer Berücksichtigung gefunden.

Dieter J. Mehlhorn: Architektur in Schleswig-Holstein – vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 400 Seiten, Wachholtz-Verlag/Murmann Publishers 2016. 39,90 Euro.

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Ein Artikel von
Konrad Bockemühl
Ressortleiter Kulturredaktion

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