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"Verschanzen bringt ja nichts"

Dieter Nuhr in Kiel "Verschanzen bringt ja nichts"

„Schön dass Sie da sind, verschanzen bringt ja auch nichts“, begrüßt Dieter Nuhr das Publikum in der auf 3000 Gäste begrenzten und damit restlos ausverkauften Sparkassenarena. Er macht damit jenes Fass auf, das hier kaum einen überrascht. Den islamistischen Terror und die Reaktionen darauf. Und dieses Fass war wohl kurz vorm Überlaufen.

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Dieter Nuhr in der Kieler Sparkassenarena.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. In der Eröffnungsnummer seine neuen Programms „Nur Nuhr“ bezeichnete der Komiker die Attentäter von Paris wahlweise als „Drecksäcke, Arschgeigen, kranke Gestalten“ oder einfach „Arschlöcher“. Dafür gab's den entsprechenden Applaus.

Es ist eine für den Sprachästheten Nuhr eigentlich zu absehbare, nur auf vordergründige Wirkung bedachte Verbal-Attacke. Und doch zeigt sich der Mann, der vor eindeutiger Islam-Kritik bereits in früheren Programmen nicht zurückschreckte, auch diesmal wieder als glühender Verfechter der Freiheit. „Jeder soll glauben, was er will, jeder soll tun und lassen, was er will, solange er dabei die Freiheit des anderen nicht einschränkt“, so sein ethisches Credo.  Man könne nichts gegen den Islam oder das Christentum oder sonst eine Religion im Allgemeinen haben, aber Extremisten gebe es eben überall, „das ist einfache Mathematik, sie sind halt eine Teilmenge des Ganzen.“, spöttelt Nuhr. „Paranoid“ werde man allerdings weil Zeitung und Nachrichten-Apps einen mit hastig verfassten Schlagzeilen bombardierten,  die den Eindruck vermittelten, dass das Abweichen von der Norm die Norm sei. Dabei sei die Welt – insgesamt – nie sicherer und friedlicher gewesen als heute. „Aber im Zeitalter von Twitter sollten Antworten auf komplexe Fragen 140 Zeichen wohl nicht überschreiten“, so Nuhr.

140 Zeichen reichen nicht 

Noch viele weitere tragikomischen Pathologien unserer aus dem Lot geratenen Gesellschaft standen auf der Agenda dieses verschmitzt jugendlich wirkenden Mittfünfzigers, dessen Bühnen-Figur   immer etwas schief in den Turnschuhen steht, während sie die Pointen wie im Selbstgespräch vernuschelt oder aber strahlend offensiv serviert. Kein Wunder, dass da einiges im Argen liege, wenn man mit dem Darm denke, bereitet Nuhr die Zuhörer auf den nächsten real existierenden Irrsinn vor.  Neueste Forschungen hätten ergeben, dass die Darmbakterien unser Denken, Wohlbefinden und das Zusammenspiel der Neuronen steuerten.  Nuhr: „Weil wir mit dem Darm denken, kommt uns alles so verschlungen vor.“  Oder die Gender-Wissenschaft. Mann und Frau sei gestern. Über 60 geschlechtsspezifische Variationen könne man als persönliches Profil bei Facebook bereits wählen. Als sei das nicht schon absurd genug, könne das aber auch für Flüchtlinge zum ernstzunehmenden Integrationshindernis werden, warnt Nuhr und fragt, „deutsche Mülltrennung, deutsche Pünktlichkeit, deutsche Rauchverbote und deutsche Gender-Theorie, wer soll das verstehen. Und was denken die Fremden, wenn sie an der Grenze erst einmal ihr Geschlecht wählen sollen, oder auf Bahnsteigen nach gelb eingefärbten Quadraten suchen müssen, auf denen man rauchen darf?“ Nicht die einzigen Fragen dieses witzigen, unterhaltsamen streckenweise hintergründigen Abends, für deren Beantwortung 140 Zeichen sicher nicht reichen würden.

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