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Sechs Dekaden Kieler Kammerorchester

Dietfrid Proppe Sechs Dekaden Kieler Kammerorchester

Das „Urgestein des Kieler Kammerorchesters“, Dietfrid Proppe verlässt das Erste Pult.

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Dietfrid Proppe, scheidender KKO-Konzertmeister: „Lernen können meist nur die Jungen von den Älteren. Das KKO braucht aber auch Verjüngung.“

Quelle: Manuel Weber

Kiel. Der Vorsitzende des Trägervereins, Ehrhard Meisner, nennt ihn mit gutem Grund ein „Urgestein des Kieler Kammerorchesters“ (KKO): Denn Dietfrid Proppe war erstmals im Jahr 1953, ein Jahr nach der Gründung, Konzertmeister des semiprofessionellen Ensembles unter Wilhelm Pfannkuch.

Da war er noch Schüler der Kieler Gelehrtenschule, hatte aber seit seinem achten Lebensjahr Geigenunterricht. Die Liste seiner musikalischen Lehrmeister liest sich imposant und bezeugt seine Begabung, seinen Ehrgeiz und spieltechnischen Fleiß – ob früh am Schumann-Konservatorium in Düsseldorf oder später bei Bernhard Hamann, dem Konzertmeister des NDR Sinfonieorchesters (und Vater der Schauspielerin Evelyn Hamann), sowie bei der legendären Eva Hauptmann, die in Hamburg Spitzenmusiker wie Thomas Brandis formte, oder im Austausch mit befreundeten Persönlichkeiten wie dem NDR-Solocellisten Bernhard Gmelin. Entsprechend früh tauchen anspruchsvollste solistische Aufgaben in den Konzerten von Beethoven oder Mozart, der Chaconne oder den Concerti von Bach in Proppes Biografie auf.

 Doch der Geiger kannte noch eine zweite Berufung: die Medizin. Nach dem Studium in Freiburg, Promotion und Habilitation wurde er 1985 Oberarzt an der Kieler Uniklinik, leitete später in Forschung und Lehre die Nierenheilkunde, wurde schließlich Klinikchef. Da war das Kieler Kammerorchester nur noch eine ferne Erinnerung, zumal mit dem Lübecker Kammermusikkreis und einem eigenen Streichquartett-Ensemble das anspruchsvolle Musizieren parallel nicht zu kurz kam – im Gegenteil. „Doch als ich im Jahr 2002 pensioniert wurde, stellte sich die dringliche Frage: was nun?“, erinnert sich Proppe, der noch heute in der Ethikkomission des UKSH Sitz und Stimme hat.

 2005 geriet dann das KKO plötzlich wieder in den Fokus. Kurzfristig musste die Konzertmeisterin ersetzt werden – die Gelegenheit für den passionierten Kieler mit der venezianischen Edelgeige von 1720. Proppe kehrte auf seine angestammte Position zurück, genoss seitdem zahlreiche solistische Aufgaben wie zuletzt in Rimsky-Korssakows Scheherazade und manch Konzertreise.

 Jetzt, nach einer Dekade, gibt der Bayreuth-Fan die ständig fordernde Aufgabe auf, weil er endlich unbeschwert mit seiner Frau Helga, der stets geigerisch mit aktiven Seefahrer-Ärztin, die großen Opernhäuser der Welt bereisen möchte. Auch, dass die Augen ihm zuletzt anfallsartig das Notenlesen erschwerten, bestärkte den Beschluss: „Man stelle sich vor, das passiert einem mitten im Konzert!“. Dietfrid Proppe räumt das Erste Pult nach dem Saisonabschlusskonzert am kommenden Montag für einen Musiker, den er erleichtert als doppelt würdigen Nachfolger einschätzt: den Mediziner Christian Gutekunst. Und alles weitere ist dann Kammermusik – mit Frau und Freunden.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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