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Er hört einfach alles

Dirigent Daniel Carlberg leitet die Probenphase des Landesjugendorchesters in Bad Segeberg Er hört einfach alles

92 Musiker des Landesjugendorchesters fixieren Daniel Carlberg am Pult. Mit Wucht und Delikatesse soll im Foyer der Jugendakademie Gustav Mahlers Totenfeier in c-moll entstehen. Ein Spaziergang ist die Probe zum Programm Römische Feste weniger, eher eine Klettertour für Leistungsportler über Mahlers Klangmassiv.

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Mahler erfordert die volle Konzentration der jungen Musiker in der Jugendakademie. Daniel Carlberg gibt den Einsatz.

Quelle: Michael Kaniecki

Bad Segeberg. Carlberg leitet das LJO zum ersten Mal. Der stellvertretende Kieler Generalmusikdirektor hat bei der Arbeit mit dem musikalischen Nachwuchs nicht nur die Zukunft der deutschen Orchesterlandschaft im Blick. „Wir haben weltweit ein einmalig hohes Niveau.“ Die Arbeit macht dem 42-Jährigen schlichtweg Spaß: „Die Steigerung binnen einer Woche ist enorm hoch.“ Die jungen Talente „sind fernab von jeglicher Routine offen für Interpretationsansätze. Das ist bei erfahrenen Musikern, die jedes Stück schon fünf Mal gespielt haben, oft anders.“

 Mit dem Landesmusikrat als Träger des LJO hat Carlberg das Programm für der Herbstarbeitsphase zusammengestellt. In Alberto Ginasteras Konzert für Harfe und Orchester op. 25 ist Schirmherrin Gesine Dreyer als Solistin zu hören, in Ottorino Respighis Feste romanae kommt auch die lebensbejahende Facette der Festmusiken ins Spiel.

 Sehr präzise bringt Carlberg bei der Probe in der Jugendakademie Struktur in die emotionsgeladene Klangwelt Mahlers. „Zwischen Glücksgefühl und Verzweiflung ist alles drin.“ Tariert Soli und weiche Legato-Klangflächen aus, schärft die Rhythmik. Mehrtägige Sektionsproben haben die einzelnen Stimmgruppen hinter sich, das Gerüst der Symphonischen Dichtung in c-moll ist präsent. Carlberg übersetzt die Atmosphäre in der Musik mit Bildern, die in die Lebenswelt der 15- bis 25-jährigen Musiker passen. „Die Kontraste sind bei Mahler entscheidend. Von aggressiver Trauermusik kann die Stimmung abrupt zu einem Traum vom Frieden wechseln.“

 Die Technik entscheidet über den Klang. Carlbergs Pult scheint weit weg. Und dennoch: Der Dirigent hört einfach alles. Und hakt nach, bis ihn der Ton überzeugt. „Bei Ziffer sechs will ich keinen sehen, der einen Zentimeter Bogen verschenkt, wir brauchen den Klang“, sagt Carlberg zu den Geigern. Er rät fürs Vibrato-Spiel „den Klang vorempfinden, sofort in die Motorik bringen.“ Den Körpereinsatz des Schlagwerkers, der vor dem Beckenschlag groß ausholt, kommentiert der Dirigent positiv. Nur die Akkuratesse leidet unter leichter Verspätung.

 „Der romantische Mensch braucht sehr viel Freiheit“, erklärt der Dirigent die Interpretationsidee für die Totenfeier. „Die Musik ist wie Wellen, beständig in Bewegung, im Tempo beschleunigend, dann wieder nachlassend.“ Sein Tipp, damit die Beweglichkeit im Tempo nicht ins Chaos führt, klingt angesichts der fast 100 Musiker unglaublich, funktioniert jedoch brillant: „Spielt, als ob ihr Quartett spielen würdet.“

 Carlberg fordert den Nachwuchs in stringent hohem Übungstempo. Die jungen Musiker und Musikerinnen haben sich in landesweiten Vorspielen für die Teilnahme an der Herbstprobenphase qualifiziert. Sein Lob vor der Pause entschädigt für die lange Konzentrationsphase: Ein schmelzendes „Ooooooh! Das hätte Gustav gefallen. Ein toller Klang!“, kommt vom Mann hinterm Dirigentenpult und löst die Spannung in Gelächter auf.

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