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Von der Suche nach Heimat

Dörte Hansen über ihren Roman „Altes Land“ Von der Suche nach Heimat

Mit den Glanzpapier-Idyllen von „Landlust“ und Co. hat Dörte Hansens Roman Altes Land nichts zu tun. Verstehen kann die Journalistin und promovierte Linguistin die Sehnsucht nach dem Landleben aber schon. Ein Gespräch über das Verlieren und Suchen von Heimat.

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In Husum aufgewachsen, im Alten Land zuhause: Dörte Hansen, Autorin des neuen Fortsetzungsromans.

Quelle: Sven Jaax

Hamburg. Ihr Buch trägt den sehr prägnanten Titel „Altes Land“ – ist das für Sie nur der geografische Begriff oder steckt mehr dahinter?

Das ist im Fall meines Buches mehrdeutig. Ein Großteil der Geschichte spielt im Alten Land; aber der Begriff bezieht sich auch auf das andere Land, das verlorene Land Ostpreußen, das die Protagonistin Vera Eckhoff und ihre Mutter Hildegard von Kamcke hinter sich gelassen haben. Und letztlich ist es außerdem auch das, was den alten Bauern Heinrich Lührs beschäftigt: Was mache ich mit diesem Hof, der Jahrhunderte lang in der Familie war und den nun keiner der Söhne übernehmen will?

Der Roman erzählt eine Vertriebenengeschichte? Was hat Sie daran gereizt?

Ich war ja lange Journalistin für den NDR und habe zu dem Thema viele Sendungen gemacht. Eine davon zum Beispiel über Paare, die ihren 50. Hochzeitstag feierten und von denen einer Einheimischer war und einer Flüchtling. Das Feature ist in Schleswig-Holstein entstanden – wo der Flüchtlingsanteil nach dem Krieg höher lag als in jedem anderen Bundesland. Das war spürbar; selbst in dem kleinen Dorf bei Husum, wo ich aufgewachsen bin, war diese Unterscheidung da und ist es vielleicht bis heute. Das hat mich schon sehr lange fasziniert: Wie macht man das: Alles verlieren und neu anfangen? Wie wird man heimisch? Und warum ist das eigentlich so schwer? Früher war die Heimat da, wo man geboren wurde, blieb und irgendwann starb. Es gab keine große Auswahl. Heute müssen wir diesen Platz ganz alleine finden.

Sie sind selbst aus Hamburg ins Alte Land gezogen; wie fühlt es sich für Sie an?

Ich lebe seit zehn Jahren hier. Und für mich war es damals einfach an der Zeit aufzubrechen. Meine Tochter wurde drei, ich wollte zurück aufs Land und auch das Familienleben konnten wir uns eher dort vorstellen.

Auch Anne, die zweite Heldin des Romans, treibt es von der Großstadt ins Ländliche …

Ja, ich glaube, alle Bücher haben irgendetwas Autobiografisches. Man bringt ja immer auch sein Material mit. Und wie Anne habe ich viel auf den Spielplatzbänken in Ottensen gesessen und beobachtet. Aber ich bin keine der Figuren, die in meinem Buch vorkommen.

Und woher kommt Vera, das Vertriebenenkind, das im Alten Land strandet?

Die kommt ganz und gar aus meiner Fantasie. Ich brauchte einen Gegenentwurf für Anne. Jemanden, der schon lange dort wohnt, wo sie hingeht, der sich auskennt und trotzdem nicht ganz Teil der Gemeinschaft ist. Und dabei hat Vera irgendwann immer mehr Raum eingenommen - obwohl sie anfangs gar nicht als Hauptfigur gedacht war.

Sie setzen das Schicksal des Flüchtlings parallel zu der Frau aus der Stadt, die ein neues Leben sucht?

Das ist ja auch eine Flucht. Annes Leben in Hamburg ist völlig festgefahren. Ihr Mann hat eine andere, sie kommt in ihrem Beruf als Flötenlehrerin nicht mehr zurecht. Ihre Heimat war einmal die Musik - und aus der ist sie im Grunde schon als Kind vertrieben worden, als ihr Wunderkind-Bruder auftauchte. Sie weiß nicht mehr, was sie tun soll mit ihrem Leben. Das empfinde ich durchaus als Flucht.

Die schwierigsten Beziehungen in Ihrem Buch sind die von Müttern und Töchtern …

Ich glaube, das ist gerade in dieser Kriegs- und Nachkriegsgeneration immer noch ein großes Thema. Dass jemand, der wie Veras Mutter den Verlust der Heimat so dramatisch erlebt hat, schließlich so im Überlebensmodus war, dass sie bestimmte Dinge nicht mehr konnte. Wenn man auf der Flucht sein totes Kind zurücklassen muss, ist man nicht mehr die fröhliche Kuschelmama. Hildegard von Kamcke konnte nur noch die Tochter, die sie durchgebracht hatte, im Alten Land unterbringen, während sie selbst weitergehen musste. Mehr hatte sie nicht für ihre Tochter. Und diese Art von Vereisung, die diese Generation erlebt hat, die wirkt sich bis heute aus.

Die Hauptrolle spielen auf den ersten Blick die Frauen – aber daneben haben ja auch die Männer ihre tragenden Rollen …

Genau – es ist kein Frauenroman. Karl Eckhoff und Heinrich Lührs etwa sind sehr wichtig. Beide haben zu Vera eine Beziehung, die keinen Namen hat. Karl ist der Stiefvater, aber er hat auch was von einem Bruder oder einem Kind, für das Vera sorgen muss. Und auch Heinrich hat keine feste Rolle für sie. Er ist Nachbar, guter Freund, der Mann, in den sie mal verliebt war. Man kann nie sagen, was das überhaupt ist zwischen diesen beiden. Das fand ich reizvoll: Die verstehen sich wunderbar, und wissen selbst gar nicht, wie nah sie sich stehen.

 

 Könnten Sie eigentlich den typischen Altländer beschreiben?

 Den gibt es eigentlich nicht, aber wenn, dann ist er am ehesten wie Heinrich Lührs. Der hat viele Züge eines klassischen Altländer Bauern: akkurat, gewissenhaft, stolz. Dirk vom Felde ist dagegen die neue Generation, die sich fragen muss: Wie mache ich Landwirtschaft weiter? Bio? Konventionell? Tourismus? Will ich das überhaupt noch? Der kann einfach nicht mehr fraglos weitermachen, wie Heinrich Lührs, als er damals den Hof übernommen hat.

 

 Sie erzählen das in einer knappen knorrigen Sprache, in der sich immer wieder plattdeutsche Einsprengsel finden. Sprechen Sie selber auch Platt?

 Jeden Tag in meiner Familie. Ich bin in Nordfriesland aufgewachsen; mit meinem Mann und meiner Tochter spreche ich nur Platt.

 

 Was mögen Sie an der Sprache?

 Sie ist einfach meine Muttersprache. Für mich ist das ganz selbstverständlich, Platt zu sprechen. Ich fühle mich in der Sprache einfach sehr zu Hause. Das ist die Sprache, die mir am vertrautesten ist und die ich mit den Menschen spreche, die mir am nächsten stehen.

 

 Sie sind promovierte Linguistin. Ist für Sie eher die Sprache Heimat oder der Ort?

 Ich glaube, Heimat sind die Menschen. Und die Menschen, mit denen ich Platt sprechen kann, rücken mir automatisch näher. Das können diese kleinen Sprachen ganz gut: Nähe schaffen. Heimat ist ein Ort, wo man sich nicht mehr erklären muss, und das hat viel mit den Menschen zu tun, mit denen man dort lebt.

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