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Wunderbar aufgefrischte Carmen

Eutiner Festspiele Wunderbar aufgefrischte Carmen

Diese Musik „schwitzt nicht“, hat einst Nietzsche über Georges Bizets spannungsvolle "Carmen" geschwärmt. Das ist in der feucht-kühlen Eutiner Festspielpremiere am Freitagabend auch nicht zu erwarten. Aber der Abend gelingt tatsächlich leichtfüßig und waschecht – sowohl musikalisch wie szenisch.

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Carmen (Milana Butaeva) wird von den Männern begehrt, von den anderen Frauen der Zigarettenfabrik angefeindet.

Quelle: Orly Schekahn

Eutin. Die französische Intendantin Dominique Caron hat ihre Bilderbuch-Inszenierung von 2013 noch einmal glücklich geschärft. Sie erzählt die berühmte Geschichte des labilen Sergeanten Don José, der zum Mörder aus Leidenschaft (hier nicht nur) an der magischen Zigeunerin wird, als Knast-Rückblick aus dem Erzähler-Off mit knappen deutschen Dialogen und in französischer Sprache gesungen. Im mediterranen Halbrund eines kleinen Städtchens, das Ursula Wandaress auf die Bühne gebaut hat, fühlt man sich angesichts der sehr erträglich folkloristischen Kostüme von Martina Feldmann nicht nur dem Hinterland von Sevilla nahe, sondern auch der Verfilmung von Francesco Rosi und sogar ein klein wenig Woody Allens Vicky Cristina Barcelona.

Das sind die Bilder zu "Carmen" bei den Festspielen in Eutin.

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Mit großem Ernst und leichter Ironie werden die Figuren plastisch, was sich spürbar positiv auch auf den Ausdrucksgehalt im Sängerischen auswirkt. So bleibt der Don José von Eduardo Aladrén nicht im Klischee des stoffeligen Pantoffelhelden stecken, sondern wird zum glaubhaft Getriebenen und Zerrissenen. Entsprechend singt der spanische Tenor mit gebrochenem Stolz und aufflammender Eifersucht. In der Moskauer Mezzosopranistin Milana Butaeva hat er einen übermächtigen Anziehungspunkt. Zwischen glamourös und ordinär changiert ihre Carmen spielerisch und sängerisch gewohnt stark, funkelnd und dramatisch zugleich.

Auch Micaela, die heimatliche Erinnerungsbotschafterin an Josés grundgute Anlagen, ist hier nicht nur das naive Bauernmädel, sondern eine starke junge Persönlichkeit, die sogar eine Carmen aufmerksam als Konkurrentin betrachtet. Peggy Steiner sorgt mit strahlkräftig glühendem Sopran dafür, dass sie dann auch nicht nur im lyrischen Jammerton verharrt. Imposant wieder der in allen Lagen schlanke und zugleich schlagkräftige Bassbariton von Christoph Woo als Stierkampf-Womanizer Escamillo, der dieser Tage das Kieler Opernensemble leider verlässt. Caron hat ein Händchen für treffliche Sängerbesetzungen, was auch die Nebenpartien beweisen.

Dass das alles so gut funktioniert und die renovierte Carmen-Produktion zu einer der besten der jüngeren Festspielgeschichte in Eutin macht, hängt aber auch wesentlich mit der Stimmung zusammen, die das Orchester sogar unter der Regenplane hervorzaubert. Kiels ehemaliger Stellvertretender Generalmusikdirektor Leo Siberski begeistert als Eutiner Pultdebütant mit seinem neu gegründeten, durchweg studentisch jung besetzten Ensemble Kammerphilharmonie Lübeck durch eine ebenso spritzige wie sinnliche Interpretation. Der Kontakt zur weit entfernten Bühne, zu den Solisten, im diesbezüglich gefürchteten Schmuggler-Quintett und zu den wendig wogenden Chören (Festspielchor und Hamburger Alsterspatzen) ist exemplarisch präzise. Im Orchesterverbund spürt man Spiellaune und Leichtigkeit, da herrscht knackige dramatische Energie, erlebt man schöne Stellen und duftige Farben. Chapeau! Das Premierenpublikum zeigt sich entsprechend begeistert.

Eutiner Festspiele

Freilichtbühne, über Stadtzentrum/Schloss. Termine am 13., 23. und 29. Juli, 6. und 13. August, jew. 19 Uhr, sowie am 16. Juli, 18 Uhr. Karten (auch für Landesgartenschau gültig) unter Tel.: 04521 / 80010. www.eutiner-festspiele.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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