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Wieviel Zins bringt Rache?

Dominique Horwitz im Schloss Wieviel Zins bringt Rache?

Dominique Horwitz rezitiert Hermann Melvilles Moby Dick und begeistert zusammen mit dem Philharmonischen Orchester Kiel das Publikum im Kieler Schloss.

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Bot „Kopfkino“ mit theatralen Mitteln, fulminant flankiert vom Philharmonischen Orchester Kiel unter Georg Fritzsch: Schauspieler Dominique Horwitz, hier in der Generalprobe.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Mit Weltliteratur zu Gast bei Freunden: Tausendsassa Dominique Horwitz hat nicht zuviel versprochen, wenn der hochgelobte Schauspieler und Chansonnier im Programmheft sagt, dass „Weltliteratur auf Filmmusik und Konzertbesucher auf Kopfkino“ trifft. Seine großartige Rezitation aus Herman Melvilles Monumentalwerk Moby Dick ging mit dem Philharmonischen Orchester Kiel in der Reihe Con spirito als „Sinfonische Parabel“ im voll besetzten Kieler Schloss mit Standing Ovations über die Bühne.

Kopfkino? Klar! Melville sei Dank, und einem Medium wie Horwitz, zuallererst theatralen Mitteln verpflichtet. Im rostroten Anzug wirft er sich als nonchalanter Conférencier in den Auftritt, holt fix zwei Kinder auf leere Sitze in der ersten Reihe („cool“) und begibt sich dann („Frosch!“) heiser stakkato hustend in ein „Lachen“, als wolle er sein Instrument stimmen. Damit nimmt er dem drohenden Unheil des hinter ihm dumpf schwellenden Orchestergrollens gleich eingangs dramaturgisch die Spitze: „Lachen ist die weiseste Antwort auf alles.“ Noch bevor das „Nennt mich Ismael“ erklingt und Horwitz 90 Minuten fest verankert das Kunststück vollbringt, den souverän Vortragenden bescheiden mit links zu geben und mit der rechten Hand fulminant, doch immer menschenfreundlich zu „spielen“: Faust ballen, an den Kopf fassen, Zeigefinger heben und das Pult wie eine magische Kugel beschwören. So agiert er höhnend, dröhnend, wie hypnotisiert in Text und Takt hineinhorchend.

 Dieser theatrale Aspekt schafft Spannung und Abstraktion zugleich und macht auch in den Rollen, vom Erzähler Ismael, „dem anmutigen Kannibalen“ Queequec über Obermaat Starbuck bis zum vom obsessiven Hass auf Moby Dick zerfressenen Käpt’n Ahab deutlich, dass hier kein Platz für eitles Pathos oder Parteilichkeit ist. Auch nicht beim finalen „Da bläst er“, wenn Horwitz den letzten Harpunenwurf pantomimisch elegant ins Schwarze schleudert.

 Der Rezitator stellt sich gebannt in den Dienst der großen Fragen wie Fluch und Vergeltung, die in Melvilles Meisterwerk verhandelt werden. Das Eintauchen in ein Abenteuer, textlich bearbeitet von Martin Mühleis und mit der Komposition des Fagottisten und Saxofonisten Libor Síma auch deutlich jazzig-synkopischen Klängen zugeneigt, hat große Kinoqualität.

 Dirigent Georg Fritzsch steuert das wendig zwischen Hitchcock-Streicher-Spannung und starker Gershwin-Dynamik agierende Orchester vor der blau schimmernden Empore mit vielen Glocken und Glissandi, Pizzicato-Pointen rhythmisch präzise durch den Ozean menschlicher Regungen, über denen Käpt’n Ahabs Hass auf den Wal als Sinnbild alles Dämonischen zu thronen scheint. Die großen Sätze sind psychologisch („Die ganze Größe liegt in meinem Gram“) und vor allem politisch („Wieviel Zinsen bringt Rache?“) hoch brisant. Der atmosphärische Wechsel zwischen Sprecher und strudelnd schwelgenden oder spitz aufschreienden Streichern lässt dank vieler langgezogener Töne auch Raum für Kontemplation. Nach viel Brausen, starken Bläsern und Percussion, herrscht am Ende chromatische Ruhe auf dem Meer. Nicht unbarmherzig, sondern versöhnlich klingt dieser Frieden. Kopfkino aus, Botschaft angekommen. Bravo.

Von Almut Behl

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