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Vom Krimi zur Kultfigur

Donna Leon im Interview Vom Krimi zur Kultfigur

Ihr erster Roman um Commissario Brunetti führt in die Oper. Im Film „Die Florence Foster Jenkins Story“, den die amerikanische Krimi-Autorin mitproduziert hat, geht es dagegen um eher schräge Töne. Was Donna Leon an der Kultfigur und dem Projekt gereizt hat, erklärte die 73-Jährige im Gespräch.

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Donna Leon, hier bei den Nordischen Filmtagen 2016 in Lübeck, hat einen Film über „die schlechteste Sängerin aller Zeiten“ produziert.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. Sie sind eine ausgewiesene Opernkennerin und lieben den Wohlklang – und Sie haben gerade Ralf Plegers „Die Florence Foster Jenkins Story“ mitproduziert. Legen Sie sich ab und zu mal eine CD der Extremsängerin ein?

Ich habe tatsächlich ein paar CDs von Florence Foster Jenkins. In den USA ist sie fester Bestandteil der Opernkultur – sie ist Kult. Leute, die Oper mögen, kennen auch sie. Ich fand sie immer: schockierend. Weil sie so schlecht war. Aber man hört ihr zu; es ist tatsächlich schwierig, eine Arie von ihr mittendrin auszuschalten. Aus der perversen Neugierde heraus, was noch kommt. Es ist jedes Mal schlimm; aber es liegt auch ein gewisser Charme in ihrem Gesang, weil sie an sich geglaubt hat. Das bewundere ich.

Interessiert Sie dabei mehr die Person oder die Sängerin?

Mich interessiert die Person, die eine Sängerin war. Denn das war sie – sie wollte ihren Zuhörern Vergnügen bereiten. Ich glaube, sie hat sich selbst nicht hören können; sie hat sich wirklich für eine gute Sängerin gehalten. Und dann kann man keinen Witz aus sich machen. Es ist schwer zu sagen, ob die Leute in ihrem Kreis sie ermutigt haben, oder ob sie versucht haben, sie zu schützen vor denen, die es aussprachen: Du singst grauenvoll.

Neben Ralf Pleger hat auch Stephen Frears mit Meryl Streep einen Film über Florence Foster Jenkins gedreht. Warum war es Ihnen ein Bedürfnis, dieser Frau einen Film zu widmen?

Ich bin einfach mit Ralf befreundet, und mit Joyce DiDonato, die im Film Florence singt. Es war Ralfs Idee, mit einer der besten Sängerinnen unserer Tage einen Film über die schlechteste Sängerin aller Zeiten zu machen. Das hat bei mir sofort verfangen. Ich hatte auch sofort Joyce für die Rolle im Sinn – eben gerade, weil sie am entgegen gesetzten Ende des Gesangsuniversums steht.

Der Film mischt Spielszenen mit Dokumentation und Experten-Kommentaren. Wie weit waren Sie an dem Konzept beteiligt?

Gar nicht. Natürlich haben wir uns ständig gemailt, aber ich habe mir die Ideen nur angehört und sie kommentiert. Ich fand den Ansatz sehr evident und sensibel. Der Film zeigt großen Respekt vor Florence Foster Jenkins – in jeder Beziehung. Man kann ja eigentlich auch nur Gutes über sie sagen, außer dass sie eine schlimme Sängerin war.

Sehen Sie in ihr eher eine tragische oder eine komische Figur?

Sie ist tragisch. Definitiv. Dass jemand so selbstbetrügerisch sein konnte, finde ich interessant. Dass ein anständiger Mensch sich so von seiner eigenen Schwäche hat verführen und letztlich zerstören lassen, ist tragisch im aristotelischen Sinn. Denn Aristoteles sagt, dass Tragödie mit einem guten Charakter und dem Leiden beginnt. Ödipus ging es nicht anders. Er ist ein guter König, ein guter Vater, ein guter Ehemann. Aber er lässt sich von seiner Neugier verführen und verliert alles.

Sie sehen also in Jenkins‘ Leben die Dimension einer antiken Tragödie?

Ja, das tue ich. Weil sie von ihrer eigenen Schwäche betrogen wurde. Wenn sie im Badezimmer oder Schlafzimmer gesungen hätte, wäre das nie passiert. Aber sie wollte vor Publkum singen. In dieser Illusion wurde sie von außen bestärkt, und schließlich ist sie an die Öffentlichkeit gegangen, hat die Carnegie Hall gemietet, Karten verschenkt und verkauft und dort gesungen. Fünf Wochen später ist sie gestorben, nach ihrem einzigen öffentlichen Konzert. Es gibt keinen Beweis dafür, dass der Grund dafür die schlechten Kritiken waren – aber die Vermutung liegt nahe.

Auch die Barockoper, die Sie sehr lieben, griff gern antike Stoffe auf - gibt es auch von dort eine Verbindung zu Foster Jenkins?

Nein, überhaupt nicht. In der Barockoper geht es gewöhnlich um Prinzen und Könige, Helden und Heldinnen.

Was lieben Sie daran?

Es gibt etwas in der Schönheit des barocken Gesangs, das mich gefühlsmäßig sehr stark anspricht. Vielleicht ist es die Vorhersehbarkeit der Muster, die andere Opern nicht haben. Ich mag das, wenn ich das Thema erkenne, dann die langsame Reflexion und schließlich, wie sich darauf alles aufbaut. Das haut mich jedesmal um.

Das hört sich an, als bräuchten Sie dazu gar keine Bühne und keine Bilder?

Brauche ich auch nicht. Es reicht mir, die Sänger auf dem Podium stehen und singen zu sehen. Aber wenn die Inszenierung gelungen ist, fügt das der Musik durchaus eine weitere Ebene hinzu. Die Alcina in Zürich zum Beispiel ist so ein Fall, weil sie das Drama hervorkehrt. Es gibt vielleicht fünf Inszenierungen, die ich bewundere. Und wenn ich etwas schlechtes sehe, kann ich ja immer noch die Augen zumachen und die Bilder ausblenden.

War es ein langer Weg ist von Commissario Brunetti zu Florence Foster Jenkins?

Das sind einfach zwei verschiedene Seiten meines Lebens. Ich reise außerdem viel mit dem Barockorchester Il Pomo d’Oro herum. Ich will Leute ermutigen, diese Musik zu hören.

Sie sind viel in Sachen Musik unterwegs. Warum sollten die Menschen klassische Musik hören?

Weil es die Möglichkeit gibt, dass sie es mögen. Und wenn das passiert, wird es ihr Leben bereichern. Joyce DiDonato zum Beispiel lehrt seit fast 20 Jahren Gesang am Hochsicherheitsgefängnis in New York, und sie sagt, sie habe gesehen, wie sich diese Männer verändert haben, weil die Musik in ihr Leben gekommen ist. Musik ist kein rationales, begründbares System, sie ist einfach emotional – und das hat Wirkung.

Hat es Sie nie verlockt, selbst Musik zu machen?

Nie. Ich kann keine Noten, ich kann kein Instrument spielen – ich höre einfach zu …

Zur Entspannung?

Nein, nicht zur Entspannung. Ich höre Musik, wenn ich weiß, dass ich Zeit habe und mich darauf konzentrieren kann. Ich höre keine Musik, wenn ich irgendetwas anderes tue – außer beim Bügeln. Ich nehme ja auch kein Buch mit in die Oper, um dort zu lesen. Warum also sollte man eine Oper zum Buch nehmen?

Ist die Musik dennoch auf mittelbare Weise Inspiration für Ihr Schreiben?

Ich versuche, eine kluge Idee zu entwickeln und dann überlege ich, wie ich eine Geschichte daraus mache. Das hat nichts mit Inspiration zu tun. Schriftsteller haben Inspiration.

Sie schreiben Bücher, sind Sie denn keine Schriftstellerin?

Ich bin keine Künstlerin, ich bin Kunsthandwerkerin. Joyce ist eine Künstlerin. Dass Krimis als große Kunst dargestellt werden, finde ich lächerlich. Das gilt vielleicht für Raymond Chandler, wegen seiner Sprache.

Könnte Florence Foster Jenkins eine Figur in ihren Krimis um Commissario Brunetti sein?

Möglicherweise steckt sie tatsächlich in einigen meiner Bücher drin. Denn bei mir spielen viele Figuren eine Rolle, die an eine andere Realität glauben. Die meisten Menschen betrügen sich doch selbst. Der Adlige, der Atommüll verscherbelt, sich aber für einen guten Menschen hält – das ist derselbe Mechanismus wie bei Florence Foster Jenkins. Oder der Mafiosi, der Leute umbringt, um an ihre Kunstsammlungen heran zu kommen und sich als kunstsinnigen Menschen begreift. Foster Jenkins spiegelt also eher ein sehr menschliches Verhalten. Und es ist faszinierend, weil wir keine Ahnung haben, wie klar ihr war, was sie da tat. Das aber untersucht dieser Film.

Und was lesen Sie selbst gerade?

Zwei Bücher gleichzeitig: „Dynasty“ von Tom Holland über eine julianische Sippe: Augustus, Tiberius, Julius Cäsar. Gleichzeitig lese ich Mary Beards „SPQR“, eine Geschichte des alten Roms. Ich vergleiche die beiden. Was ich sehr spannend finde: Holland beschreibt, wie Augustus eine Schlacht gewinnt und die Senatoren, die ihn eben noch angefeindet haben, plötzlich Brutus raten, sich auf den erfolgreichen Feldherrn zu konzentrieren. Ich finde das in der heutigen Politik wieder. Und das ist absolut faszinierend.

Kino-Termin in Kiel

Die Florence Foster Jenkins Story läuft ab 19. Januar erneut im Kino in der Pumpe in Kiel. Neu: Donna Leon, Ewige Jugend. Der 25. Fall für Commissario Brunetti.

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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