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Getanztes Glück

Dornröschen im Opernhaus Getanztes Glück

Irgendwann ist es ganz egal, wo diese Geschichte hinführt. So leicht und unbeschwert wirbelt das Kieler Ballett durch Tschaikowskys Dornröschen, das Ballettchef Yaroslav Ivanenko am Opernhaus zur Premiere am Sonnabend schön luftig aufgefrischt hat.

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Dornröschen im Kieler Opernhaus: Katherina Markowskaja (Aurora) und Amilcar Moret Gonzalez (Carabosse) im Mittelpunkt.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Und zur ohnehin exzellenten Technik tanzt die Compagnie plötzlich wie befreit. Begleitet und befeuert von Kiels Philharmonikern, die GMD Georg Fritzsch mit viel Energie durch Tschaikowskys vielfältig schwingende Ballettmusik führt.

Schon die Eröffnung des immer wieder von Szenenapplaus begleiteten Abends ist eine Schau: Scharf und dunkel der Sound, und genauso eckig und dynamisch setzt Amilcar Moret Gonzalez tänzerisch den Ton. Seine Carabosse ist ein Zauberer, ein Dämon und dunkler Verführer, der Dornröschen bald umwirbeln, umgarnen, bedrängen wird. Eine tolle Figur, die ganz von Ferne jenen Dealer spiegelt, den Mats Ek in seinem Dornröschen mit dem Hamburg Ballett 1996 an die Stelle der bösen Fee setzte. (Heather Jurgensen, in Kiel stellvertretende Ballettdirektorin, war damals eine der Feen.)

Fürs erste aber drückt Gonzalez-Carabosse einem armen Mädchen seine böse Rose in die Hand. Und prompt sinkt sie hernieder, fällt hinein in den Märchentraum vom besseren Leben. So hat sich Ivanenko das gedacht: Das Mädchen mit dem Schwefelhölzern trifft Dornröschen, die Arme die Reiche und Schöne, die bittere Realität die strahlende Vision. Das hat seine erzählerischen Brüche und Lücken, aber auch seinen Reiz.

Katherina Markowskaja, sonst Solistin am Bayerischen Staatsballett München, findet sich da glänzend hinein. Mit schwebender Eleganz nimmt sie die Herausforderungen von Marius Petipas Dornröschen-Partie mit ihren Pirouetten, Spitzenpassagen (Rosen-Adagio) und den irrwitzigen Hebungen (Pas de deux). Immer flüchtig, immer auf Abstand und selbst im Pas de deux eine, die sich entzieht, als ahnte sie, dass ihr Glück nur ein Gedachtes ist. Und der wieselige Shori Yamamoto gibt ihr dazu einen sprungstarken Prinzen.

Rundherum tupfen Victoria Lane Green, Momoko Tanaka, Keito Yamamoto und Taisia Muratore eine muntere Feengesellschaft in den Raum, setzen im feinen Defilee zur Taufe einen ersten Glanzpunkt. Angeführt von Maiko Abe, die ihre Fliederfee enorm biegsam, im Ausdruck aber noch etwas einförmig gestaltet. Und Edward James Gottschall, Alexej Irmatow, Rauan Orazbayev und Julian Botnarenko geben die prinzlichen Bewerber als sportlich-eigenwillige Komiker-Truppe.

So entwickelt sich zwischen Schneekugel und Matrjoschka-Prinzip rasant eine Szenenfolge von Initiation und Verwandlung; und die passt prächtig in den zersprengten Märchenschlosstraum, den Lars Peter auf die Bühne gebaut hat – aus variablen Elementen, sich immer neu öffnenden Bildausschnitten und wunderbaren Lichtstimmungen (Martin Witzel) von melancholieblau bis brutalviolett. Das hat Märchenglamour und genug Zurückhaltung, dem Tanz den Vortritt zu lassen: mit dynamischen Raumfiguren, verspielten Reigen, spannenden Hebungen und Sprüngen, die den klassischen Parts ebenso korrespondieren wie sie sie aufbrechen.

Die Spannung bis zum Schluss durchzuhalten, schafft allerdings auch Ivanenko nicht ganz. Dazu ist das Ballett, dessen Geschichte mit dem erlösenden Kuss im zweiten Akt praktisch zu Ende erzählt ist, allzusehr dem klassischen Prinzip des Schautanzens verhaftet. Und so drohen sich auch ohne die übliche Märchenfiguren-Posse im dritten Akt Ballettperlen wie der Grand Pas de deux im Allerlei des Divertissements zu verlieren. Aber was macht das schon, wenn am Ende diese entfesselte Compagnie bleibt.

Dornröschen im Opernhaus Kiel. Weitere Vorstellungen am 31. Oktober, 1., 6., 25. November, 11., 30. Dezember. Kartentel. 0431/901901, www.theater-kiel.de

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