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Die Schöne und der Tod

Musical "Elisabeth" in Hamburg Die Schöne und der Tod

Ein Mörder als Moderator, ein verführerischer Tod als ständiger Begleiter, eine Kaiserin, die nur sich gehören will: Diese Elisabeth ist eine ganz andere, als die von Romy Schneider verkörperte Sissi der Fünfzigerjahre.

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Aufforderung zum Tod: Roberta Valentini als Elisabeth und Mark Seibert als Tod im Hamburger Mehr-Theater.

Quelle: Georg Wendt

Hamburg. Knapp 25 Jahre nach der von Harry Kupfer inszenierten Uraufführung in Wien ist das Drama-Musical Elisabeth in Hamburg angekommen. Im Mehr-Theater am Großmarkt macht es fünf Wochen lang den vielen anderen „stationären“ Musicals der Hansestadt Konkurrenz, nach Erfolgen in Frankfurt, Berlin, selbst Schanghai. Musical-Erfolgsautor Michael Kunze und sein Komponist Sylvester Levay wollen die Geschichte der Elisabeth von Kitsch befreien, anders erzählen. Sie stellen die schöne Kaiserin (1837-1898) nicht als naiv herzige Sissi, sondern als starke, gebildete und selbstbestimmte Frau dar – und letztlich als tragische Figur, ständig vom Tod umgarnt. So nimmt der Tod neben der Monarchin auch die Hauptrolle in dieser hochprofessionell arrangierten Produktion ein. Mark Seibert strahlt Musicalroutine aus. Er spielt den smarten Verführer und singt seine Partie mit viel Schmelz und geradezu betörender Eindringlichkeit, während Roberta Valentini als 16 bis 62 Jahre alte Elisabeth äußerlich und stimmlich glänzt. Sie zeigt Stärke und Entschlossenheit, wenn sie sich aus den „Goldfesseln“ des Wiener Hofs um Kaiser Franz Joseph I. löst, um – eine eindrucksvolle Szene – etwa bei einem Besuch in einer Nervenklinik Parallelen zwischen ihrem Korsett und der Zwangsjacke ihrer vermeintlichen Doppelgängerin zu erkennen.

 Das alles ist kein Stoff für gar zu viel Schwulst, und das gilt auch für die dennoch emotionsgeladene Musik, die vor der Pause in dem Ohrwurm Ich gehör nur mir den einen und später im Duett mit dem Tod einen anderen Höhepunkt findet. Auf der Bühne (Hans Schavernoch) wird vor eindrucksvollen herrschaftlichen Projektionen viel Symbolik eingesetzt, etwa über eine omnipräsente (Hänge-)Brücke zum Tod. Auch mit dem neuen, emanzipierten Blickwinkel bietet der biografische Stoff genug Raum für rauschende Kostüme und nicht nur musikalische Opulenz.

 Die dunkle Sicht auf die österreichische Nationalheilige hat sich in einem Vierteljahrhundert zum erfolgreichsten deutschsprachigen Musical entwickelt und rief bei der Premiere in dem imposanten Hamburger Spannbetonbau ebenfalls große Begeisterung und immer wieder Szenenapplaus hervor. Auch, weil ein Hamburger Jung auf der Bühne stand: Als junger, schon früh von der Großmutter gegängelter Kronprinz Rudolf füllt der zehnjährige Johann Schröger seine Uniform-Rolle mitreißend aus, bevor ihn Thomas Hohler im Erwachsenenalter ablöst. Mit seinem Selbstmord geht er eine folgenschwere Liaison mit dem Tod ein, die Elisabeths weiteren Lebensweg letztlich zur Lebensflucht macht und sie schließlich über das Genfer Attentat des Luigi Lucheni in die Arme des Todes treibt.

 Das ist eine perfekte, dramatisch-berührende Inszenierung, gestützt durch starke Bilder und starke Stimmen. Für makellosen, klassischen Rock-Pop-Sound steht Julian Jhaveri am Pult, der sein Orchester über zweieinhalb Stunden intensiv fordert. Nur selten geht das auf Kosten der Textverständlichkeit. In Kombination mit modernster Bühnentechnik und raffiniertem Lichteinsatz mag das alles fast schon zu perfekt wirken. Irgendwie schön, dass es da noch ganz klassisch umgesetzte Szenen gibt, in denen sich das hungernde Volk mit klappernden Milchkannen erhebt oder die machtbewusste Kaisermutter Erzherzogin Sophie samt Hofkamarilla in weißen Pferdetorsi über die Bühne trabt ...

 „Elisabeth – Die wahre Geschichte der Sissi“, bis 27. März im Mehr-Theater am Großmarkt Hamburg. Karten: 040 / 47110633, www.elisabeth-das-musical.com, www.collien.de

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Ein Artikel von
Konrad Bockemühl
Ressortleiter Kulturredaktion

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