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Lücken und Labortiere

Jens Raschke über Empathie, Theater und Hamster Lücken und Labortiere

Jens Raschke ist ganz froh, dass er diesmal nichts mit der Inszenierung zu tun hat und „nur“ der Autor sein darf. „Beim Schreiben hat man da eine ganz andere Freiheit“, sagt der Dramatiker und Theatermacher aus Kiel, außerdem für seine Sammlung skurriler Platten und die Sitzdisco in der Hansa48 bekannt.

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Blutiges Vergnügen? Regisseurin Kristin Trosits und Autor Jens Raschke vor der Probe.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. „Sonst denke ich die Regie und die Akteure ja immer mit.“ So wie bei seinem vielfach preisgekrönten Stück Schlafen Fische? (2012), oder zuletzt bei Schwarzer Schocker, das er für DeichArt geschrieben und gerade im Werftpark-Theater inszeniert hat. Am Sonntag steht nun im Studio Hamsterblut auf dem Spielplan, auch ein Auftragswerk, das Kristin Trosits auf die Bühne bringt.

 „Ich fand das vom Theater vorgegebene Thema Empathie interessant“, sagt Raschke. „Empathie wird ja immer sehr positiv dargestellt. Dabei kann man Menschen darüber auch beeinflussen, sie manipulieren. Empathie kann also auch übergriffig werden.“ Eine Doppeldeutigkeit, die in Zeiten der medialen Dauererregung und der permanent erwünschten Einfühlung auch ethische Fragen aufwirft.

 Raschke verhandelt sie in seinem Stück anhand einer Gruppe Menschen, die bei einer Übung Terroropfer darstellen sollen – sogenannte Simulationspatienten, die nicht nur ihr eigenes Leben an den Schauplatz mitbringen, sondern auch eine fiktive Fallgeschichte verordnet bekommen. „Ich hatte davon noch nie gehört, fand es aber total spannend“, sagt Raschke, der sich von Essays der US-Schriftstellerin Leslie Jamison (Die Empathie-Tests) inspirieren ließ und in der entsprechenden Abteilung der Uni Köln recherchiert hat. „Natürlich hat man da gleich menschliche Labortiere im Sinn. Und mich interessiert schon, was das mit einem macht, wenn einer jeden Tag den Krebskranken darstellt, dem man sagt: Sie werden sterben.“

 Auch ein Kaurismäki-Stoff hätte dazu gepasst, sagt Raschke: „Lauter einsame Menschen und dann verlieben sich zwei …“ Das Melodram erschien ihm hier aber nicht passend. Also bricht in die vermeintlich verschworene Gruppe irgendwann ein unheimlicher Fremder ein mit dem sprechenden Namen La‘ahad (Niemand): „Ich mag es, wenn Menschen der unterschiedlichsten Ausprägung aufeinandertreffen. Es geht um die Reibung mit dem Fremden.“

 Es kann ein Bild sein oder es sind die kleinen Details, die leicht übersehen werden, an denen Raschke hängenbleibt. Daraus sind in der Vergangenheit Stücke entstanden wie Einstein setzt Segel über des Physikers Besuche beim Kreiselkompass-Erfinder Anschütz oder der Ringelnatz-Abend, der die Stationierung des Dichters während des Ersten Weltkriegs in der Festung Friedrichsort aufgreift. „Mich interessieren die Lücken in der Wirklichkeit und in Biografien“, sagt der 46-Jährige, „an denen entzündet sich die Fantasie.“

 Neue Stücke sind Raschke wichtig: „Die Zeit ist so schnelllebig, dass sie ständig neu verhandelt werden muss. Und Shakespeare lässt sich nicht für alle Themen heranziehen.“ Das Theater hält er immer noch für eine gute Art, der Gegenwart zu begegnen, ohne sie eins zu eins abzubilden. Bühnenstücke sind für den Autor Gebrauchstexte, auch die eigenen: „Ich liebe das Theater, weil ich da nicht die Endversion abliefern muss. Und auf den Text darf jeder seine eigene Vorstellung projizieren.“

 Blut und Sehnsucht

 „Das wird eine blutige Angelegenheit“, schmunzelt Kristin Trosits und taucht den Finger genüsslich in die Rote-Beete-Pampe, die am Sonntag bei der Premiere von „Hamsterblut“ eine tragende Rolle spielen wird. „Aber es ist kein Horrorstück“, sagt die Regisseurin entschieden, „den Splatter muss man dosiert einsetzen.“ Dass das Stück Stoff hat für viele eigenwillige Charaktere, hat die 31-Jährige gereizt, die schon Mankells „Butterfly Blues“ und Tim Price‘ „Protestsong“ inszenierte. „Die haben alle eine Sehnsucht in sich. Außerdem gefällt mir, dass der Autor das Thema Empathie so vielschichtig beleuchtet – vom Simulationspatienten bis Woyzeck.“ Dazu hat Bühnenbildnerin Nina Sievers nah an der Regieanweisung einen Raum entworfen, der den Inselcharakter der Situation betonen soll. „Es braucht eine gewisse Leere und Abgeschiedenheit.“

 Uraufführung im Schauspiel-Studio, 5. März, 19.30 Uhr, Karten: Telefon 0431/901901, www.theater-kiel.de

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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