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Spiegelbilder: Albtraum von Krieg und Schuld

Draußen vor der Tür Spiegelbilder: Albtraum von Krieg und Schuld

Es war eine beeindruckende Performance des Theater Spiegelbilder mit Wolfgang Borcherts Kriegsheimkehrer-Drama „Draußen vor der Tür“ am Dienstagabend im Sechseckbau: Entschlackt und mit fünf verschiedenen Hauptpersonen in fünf

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Der lebensbejahende Gegenpol des Beckmann, der "Andere" (Ann-Kathrin Wittsch).

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Er ist einer von denen, „die nach Hause kommen und die dann doch nicht nach Hause kommen“. Ein Heimatloser und (Vor-)namenloser. Kriegsheimkehrer Beckmann, die Hauptfigur in der zu Recht bejubelten Inszenierung des Dramas „Draußen vor der Tür“ am Sechseckbau, ist ein Außenseiter. Das wird schon im schlichten wie wirkungsvollen Bühnenbild mit den fünf geschlossenen weißen Türen sichtbar.

Die beiden Regisseurinnen Jessica Hofmann und Julia Renz der Theatergruppe Spiegelbilder haben Wolfgang Borcherts Stück um rund ein Drittel gekürzt, man kann schon sagen entschlackt: Es fehlt einem nichts zu einem eindrucksvollen Theaterabend. Auch der Verzicht auf eine allzu naturalistische Spielweise passt, zumal Borcherts Stil sowieso eher dem Expressionismus zuneigt. Keiner trägt hier offensichtliche Nachkriegskleidung, einzig die „Gasmaskenbrille“ des Sibirien-Heimkehrers Beckmann ist ein zeitgebundenes Requisit. Der Epilog wird als Chor aufgesagt, das Heer der Toten tritt hinter den Türen hervor in exakter Anordnung. Immer wieder findet man diesen abstrakten, fast choreografierten Ansatz: Auch wenn etwa die fünf Beckmänner aus den fünf verschiedenen Episoden des Stücks sich vor ihrer jeweils verschlossenen Tür niederlassen.

Beckmann ist diffizil in seinen fünf Rollen

Beckmann ist ein Jedermann. Als eine Art Staffelstab wird die Gasmaskenbrille jeweils weitergereicht an den nächsten der insgesamt fünf Beckmann-Darsteller. Der Eindruck, dass es sich beim Schicksal des aus der Gesellschaft Ausgeschlossenen um eines von vielen handelt, wird so sinnfällig umgesetzt. Alle fünf Schauspieler agieren großartig in dieser diffizilen Rolle. Wollte man trotzdem einen herausgreifen, dann wohl Steffen Lorenz, der einem bei der Schilderung seines nächtlich wiederkehrenden Albtraums von Krieg und Schuld mit seiner eindringlichen Darstellung einen Schauer über den Rücken jagt.

Überhaupt die Schauspieler. Die Regisseurinnen, die selbst schon oft an anderen Sechseckbau-Projekten teilnahmen, haben sich scheint's einige der besten aus den verschiedenen Sechseckbau-Gruppen zusammengesucht. Es sind 18 Darsteller insgesamt und jede Menge bemerkenswerte Darbietungen. Neben den Beckmännern etwa Ann-Kathrin Wiltsch, die als „Der Andere“ Beckmanns Gegenpol, seine lebensbejahende Seite mit (fast) unerschütterlichem Optimismus leuchten lässt. Oder Franziska Hundt, die einen schrecklich gut gelaunten Tod gibt, der fies rülpst vom fetten Mahl und munter tänzelt. Auch Evalotte Koschinsky als grundignorante Frau Kramer, die das Haus der toten Eltern Beckmanns bewohnt, überzeugt mit nassforscher Fröhlichkeit. Martin Friedrichs lässt den Oberst selbstgewiss schwadronieren. So bleibt der Eindruck eines intensiven Theaterabends, bei dem man nach einem verkrampften Aktualitätsbezug nicht zu suchen braucht. Weil die Parallelen zur Gegenwart auch so erschreckend deutlich werden, wenn vom „Meer der Toten“ gesprochen wird, von Verwüstungen des Krieges, von Hunger und Schrecken, und von denen, die mit diesen Erfahrungen alleine bleiben.

Weitere Vorstellungen

10. , 11., 17. 6., 20 Uhr, Sechseckbau, Westring 385, 24118 Kiel, Telefon: 0431-8816137

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