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Drei unbekannte Opern werden umjubelt

65. Wexford Festival Drei unbekannte Opern werden umjubelt

Nach einem spektakulären Feuerwerk zur Eröffnung des 65. Wexford Festivals ging es auf der Bühne des National Theatre of Ireland spektakulär weiter, mit der Eruption des Vesuv am Ende der Oper „Herculanum“ (Französisch für Herculaneum) von Félicien David, der 1810 bei Aix-en-Provence geboren wurde.

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Das Publikum hörte nicht auf die Kritiker und bereitete Barbers „Vanessa“ einen glänzenden Erfolg.

Quelle: National Theatre of Ireland

Wexford. Dieses 1859 in Paris uraufgeführte Werk ist ein gutes Beispiel für die im Second Empire einst beliebte „Grand Opéra“, die mit aufwändigen Dekorationen, sensationellen Auftritten, Balletteinlagen und effektvoller Musik das Publikum begeisterte. Trotz eingeschränkter Mittel hat Stephen Medcalf diese vergessene Oper in Wexford auf imposante Weise inszeniert. Jean-Luc Tingaud hat das Orchester der Wexford Opera fest im Griff und animiert es zu eindrucksvollem Musizieren. Von den vier hervorragenden Gesangssolisten können besonders der kanadische Tenor Andrew Haji (Hélios) und der englische Bassbariton Simon Bailey (Nicanor und Satan) für sich einnehmen.

Zu den eisernen Regeln in Wexford gehört es, dass die drei Opern, die zu jedem Festival neu produziert werden, relativ unbekannt sein müssen und dass keines der Werke ein zweites Mal inszeniert werden darf. Da ist natürlich Gaetano Donizetti, der etwa siebzig Opern komponiert hat, immer wieder ein gern gesehener „Gast“ in Wexford. In diesem Jahr ist es bereits die sechszehnte Oper aus seiner Feder, und obwohl man eigentlich nicht glauben kann, dass ein Komponist, der oft genug drei und mehr abendfüllende Opern in einem Jahr schreibt, inspirierte Musik zu Papier bringt, so wird doch mit jeder „ausgegrabenen“ Oper aufs Neue bewiesen, dass seine Musik fast durchweg von hoher Qualität ist. Die 1838 in Venedig uraufgeführte „Maria de Rudenz“ macht da keine Ausnahme. Obwohl das Libretto von Salvatore Cammarano (er hat auch den „Troubedour“ für Verdi geschrieben!) extrem blutrünstig und unwahrscheinlich bis zur Absurdität ist, gelingt Fabio Ceresa eine Inszenierung ganz im Sinne der Schauerromantik, mit Gruseleffekten in jedem Winkel des geisterhaften Schlosses der Rudenz. Dass man dort auch mit Voodoo-Puppen das Schicksal beeinflussen will, macht alles nur noch unheimlicher. Vorzügliche Sänger wie die Sopranistin Gilda Fiume (Titelrolle) und der Bariton Joo Won Kang (Corrado) sorgen für ein hohes Niveau der Aufführung, und Andrew Greenwood hat das richtige Händchen für einen authentischen Donizetti-Sound. Großes Lob auch für Chor und Orchester der Wexford Opera!

Das Publikum hörte nicht auf die Kritiker

Als der amerikanische Komponist Samuel Barber 1958 seinen Bühnenerstling „Vanessa“ herausbrachte – zuerst in New York, dann in Salzburg – waren die führenden Kritiker sich einig, dass das ein Flop, ein altmodischer Blindgänger war, denn ein Autor, der in erster Linie seinem Auditorium zu gefallen trachtete, setzte sich in jener Zeit der Gefahr aus, nicht voll und nicht ernst genommen zu werden. Das Publikum aber hörte nicht auf die Kritiker und bereitete Barbers „Vanessa“ einen glänzenden Erfolg. Trotzdem geriet sie in Vergessenheit.

Diesem einst verpönten Werk in Wexford wieder zu begegnen ist, das sei gleich vorweg gesagt, eine uneingeschränkte Freude. Rodula Gaitanou hat sich in ihrer Inszenierung eng an die Partitur und die Bühnenanweisungen gehalten. Die Handlung spielt in einem großzügig ausgestatteten, weitläufigen Wohnraum, der auch als Salon für Empfänge gut geeignet ist. Allerdings sind alle Spiegel, Porträts und Gemälde hinter weißen Tüchern verborgen, da Vanessa, die Hausherrin nicht an das Verrinnen der Zeit erinnert werden möchte. Sie trauert seit zwanzig Jahren Anatol, ihrer großen Liebe, nach. Jetzt aber hofft sie auf seinen Besuch, wird jedoch bitter enttäuscht, wenn nicht der erwünschte Anatol erscheint, sondern dessen Sohn gleichen Namens. Schon gleich in der ersten Nacht schwängert dieser die junge Erika, Vanessas Nichte. Da es bei diesem One-Night-Stand mit Erika bleibt, verliebt sich Vanessa, die von dieser Affäre natürlich nichts weiß, dann doch in den jungen Mann, heiratet ihn und fährt mit ihm auf Weltreise. Erika, die auf dramatische Weise ihr Kind verloren hat, bleibt gebrochenen Herzens zurück.

Zwischen Verzweiflung und Hoffnung

Die provinzielle Enge, das Eingesperrtsein in einen goldenen Käfig und die in einem solchen abseits gelegenen Herrenhaus vorherrschende Langeweile, all das  kommt in Rodula Gaitonou Inszenierung auf beklemmende Weise zum Ausdruck. Das macht das verzweifelte, an Hysterie grenzenden Verhalten Vanessas beim Warten auf Anatol verständlich, und auch Erikas depressive Auftritte werden so nachvollziehbar. Samuel Barber hat einen ausgesprochen feinen Sinn für lyrische Zwischentöne, kann aber auch Höhepunkte der Handlung effektvoll ansteuern. Dabei lässt er es nicht an Formgefühl und melodischer Einfallskraft mangeln.

Die Sopranistin Claire Rutter trifft den komplexen Charakter der Vanessa außerordentlich gut. Zu Beginn, wenn sie Anatol erwartet, ist sie ein zwischen Verzweiflung und Hoffnung hin und her schwankendes Nervenbündel, später, wenn sie den jungen Mann liebt, ist sie derart von ihren Glücksgefühlen überwältigt, dass sie lange Zeit die Welt um sich vergisst und die Depressionen ihrer geliebten Nichte Erika überhaupt nicht wahrnimmt. Claire Rutter verfügt über den nötigen Charme und eine herrliche, in den Höhen leuchtende Stimme, um einen solchen Charakter glaubhaft zu machen. Michael Brandenburg macht aus dem Anatol einen Luftikus und Lebemann, wie er im Buche steht. Mit unangenehmer Selbstsicherheit nimmt er sich, was er haben möchte, ob das nun ein Glas Rotwein, ein junges Mädchen oder die Herrin des Hauses ist. Dass sein Tenor eng und in den Höhen gelegentlich unschön klingt, passt eigentlich recht gut zu einem solchen Hallodri. Carolyn Sproule ist eine Erika, die die Enttäuschung über ihre Liebe nicht verwinden kann – jede ihrer Bewegungen, jede Geste ist davon geprägt. Das gut aufgelegte Orchester der Wexford Opera spielt unter Timothy Myers mit großem Engagement und subtilem Gespür für dynamische Valeurs.

Frenetischer Applaus für alle!

Das Wexford Festival war in den letzten Jahren derart erfolgreich, dass es im nächsten Jahr von zwölf auf fünfzehn Tage verlängert werden muss. Vom 19. Oktober bis 5. November 2017 stehen „Médée“von Luigi Cherubini, „Margherita“ von Jacopo Foroni und „Risurrezione“ von Franco Alfano auf dem Spielplan. Wexfordopera.com / +353 53 912 2144

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