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V-Effekt im Blaumann

Thalia Theater V-Effekt im Blaumann

Am Thalia Theater spielt, erzählt, erklärt sich Bertolt Brecht in Antu Romero Nunes‘ Dreigroschenoper zum Saisonstart einfach selbst. Der Vielfache, der Alleskönner im Selbstgespräch.

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Die Schauspieler Thomas Niehaus (l-r), Jörg Pohl und Paul Schröder stehen auf der Bühne.

Quelle: Daniel Reinhardt

Hamburg. Die Bühne leer, die Schauspieler allesamt im zweigeteilten Blaumann, mit Rundbrille, Zigarre, Kurzpony auf der hohen Stirn und immer wieder in den charakteristischen Sprechduktus fallend - hübscher kann man den vielzitierten V-Effekt nicht auf die Spitze treiben. V wie Verfremdung: Am Thalia Theater spielt, erzählt, erklärt sich Bertolt Brecht in Antu Romero Nunes‘ Dreigroschenoper zum Saisonstart einfach selbst. Der Vielfache, der Alleskönner im Selbstgespräch.

Das Szenario zwischen Brecht-Werkstatt und Kopf-Theater ist so stark, dass man Nunes sofort zutraut, dem seit dem Uraufführungserfolg 1928 immer wieder gespielten Stück mit den immer noch tollen Songs und den gestanzten Klasse-Sätzen („Erst kommt das Essen, dann kommt die Moral. Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“) etwas Neues abzutrotzen. In diesem leeren Raum, der Brechts akribische Regie-Anweisungen für das Spiel um den Kampf von Londons Bettlerkönig Peachum und Gaunerkönig Mackie Messer schlau ausbremst.

Für seine großartige Moby Dick-Adaption brauchte Regie-Jungstar und Thalia-Hausregisseur Nunes vor einem Jahr auch nicht mehr als ein paar Planken und viel Wasser auf der Bühne; diesmal reicht Bühnenbildner Florian Lösche eine Armada kühler Neonröhren, die je nach Bedarf in wechselnder Formation herniederschwebt, Signal und Stimmungsverstärker. Und mit der egalitären Arbeiterkluft überm kernigen Feinripp, den Schauspieler wie Musiker hier zur Schau tragen, zeigt Nunes auch das krasse Gegenteil zur Dreigroschenoper-Ausstattungsorgie, die Julian Crouch und Sven-Eric Bechtolf vor ein paar Wochen in Salzburg anzettelten.

Schwelgen ist nicht - das gilt auch für die Musik. Da kommt der Mackie-Messer-Song erstmal ohne Worte als still hingezupftupfte Hintergrundmusik. Pollys Liebeslied kratzbürstet Katharina Marie Schubert derb-melancholisch in die Nacht, und statt schepperndem Jahrmarktssound strippt die Acht-Mann-Combo um Carolina Bigge Kurt Weills Musik auf das Widerborstige herunter. 

Und Schwelgen geht doch – mit dem glühenden Ensemble, das auch als schrägruppige Sängertruppe brilliert. Sie dozieren, monieren, räsonnieren – möglichst brechtischer als Brecht. Allen voran der wunderbar wandelbare Jörg Pohl, der Peachum lässig komisch als gnadenlos reflektierten Manager der Armut vorführt. Knapp gefolgt vom Rest der Truppe, in der Victoria Trauttmansdorff eine beängstigend hyanenhafte Peachum-Gattin und Sven Schelker einen hedonistisch verspielten Mackie Messer zeigen. Und Franziska Hartmann die Hure Jenny als wahre Judas-Liebende ausspielt.

Vor allem aber sind hier alle gleich, so gleich, dass glatt der Sozialismus ausbrechen könnte. Zu blöd, dass sich diese Gesellschaft längst dessen Kehrseite verschrieben hat: Die Welt ist schlecht und das Leben ein Geschäft.  Für Brechts Kapitalismus-Kritik gäbe es reichlich Anknüpfungspunkte – auf jeden Fall mehr als den bemitleidenswerten U-Bahn-Schnorrer, der im typisch retardierten Singsang die immergleiche Leier des Elends abspult. Und Peachum als Parade-Beispiel eines misslungenen Bettel-Auftritts gilt. Das ließe sich weiterdenken zur ganz realen Bettelmafia, zu Armutsszenarien, auch zu den aktuellen Flüchtlingsströmen.

Das alles kommt nicht; dafür schnurrt es intelligent Brecht-immanent und hochvergnüglich durch bis zur Pause, bevor sich der Weg von Mackies Verhaftung bis zur eher braven Schlusspointe danach noch einigermaßen längt. Und der dezidiert politische Ansatz, den Intendant Joachim Lux auch zur Spielzeit-Eröffnung noch einmal betonte, bleibt erst mal draußen vor der Tür, wo das Thalia Theater mit großen Lettern projiziert: „Freiheit – Großzügigkeit – Bleiberecht“.      

Thalia Theater Hamburg. Vorstellungen: 16., 24., 25. September, 10., 11. Oktober, 1., 3., 4. November. Kartentel. 040 / 32814444, www.thalia-theater.de   

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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