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Heimat einmal anders

Nordische Filmtage Heimat einmal anders

Das Programm der 57. Nordischen Filmtage in Lübeck ist vielfältig. Gemein haben alle Filme, dass sie die Veränderungen der Gegenwart widerspiegeln. Wer am Sonnabend die Preisträger sein werden, bleibt spannend.

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Starke Bilder aus dem hohen Norden, aber keine heile Welt: „Die Rückkehr“ von Henrik Martin Dahlsbakken.

Quelle: FilmBros

Lübeck. Hoher Fels, sattes Grün, schäumende Wasserfälle – die Landschaft liegt da wie im Reiseprospekt, verziert mit einem Zuckerguss von Alphornklang. Eine Landschaftsidylle, die der Norweger Henrik Martin Dahlsbakken in seinem eindrucksvollen Debütfilm Die Rückkehr sogleich demontiert. Nichts ist heil in der Welt der Brüder Oscar und Fredrik: Die Mutter hat sich in die Depression verabschiedet; den eben vom Afghanistan-Einsatz zurückgekehrten Vater treibt es gleich wieder fort, auf die Jagd. Und bald finden sich auch die Jungen wieder in der windgezausten Leere des Fjälls, auf der Suche nach dem verlorenen Vater.

Die kleinen, auf sich selbst bezogenen Geschichten gibt es nicht mehr, dazu ist die Welt zu groß, zu ungewiss geworden. Und wie sie einbricht auch in abgelegenste Gegenden, das bildet sich ab auf den 57. Nordischen Filmtagen, deren Filme wie Seismografen für die Veränderung der gesellschaftlichen Gegenwart wirken. Innen- und Außensicht des Krieges kontrastiert der Däne Tobias Lindholm in der Geschichte des Offiziers Claus Pedersen, der sich nach einem Kampfeinsatz in Afghanistan vor Gericht als Kriegsverbrecher verantworten muss. Der Krieg im Großformat steht im dänischen Oscar-Vorschlag A War der kühlen Distanziertheit und Bilanzierung eines Gerichtsdramas so gegenüber, dass die Grenzen zwischen richtig und falsch verstörend verschwimmen.

Dabei ist das Phänomen ja nicht mal neu: Auf Grönland landete die große Weltpolitik schon 1951, als die USA in Thule eine Militärbasis eröffnen, und 1968, als ebendort ein US-Flugzeug zerschellt – mit vier Wasserstoffbomben an Bord, die die Gegend radioaktiv verseuchen. Der Journalist Poul Brink spürt dem bald vergessenen Vorfall nach, als 1988 einige der damaligen Aufräumarbeiter krebskrank werden – und landet in einem Sumpf von staatlicher Heuchelei und Bigotterie. Die reale Geschichte hat Filmemacherin Christina Rosendahl auf der Basis von Brinks Buch mit Geheimakte Grönland als brisanten Politthriller inszeniert, verschnitten mit spannendem Dokumentarmaterial und immer hart an ihrer getriebenen Hauptfigur (Peter Plaugborg). In seiner kritischen Haltung zu den USA auch ein politisches Statement.

Damit haben die Dänen in einem insgesamt starken Filmjahrgang einmal mehr die Nase vorn – womöglich auch in der Preisverleihung am Sonnabendabend? Rosita jedenfalls ist sicher ein Preisanwärter. In der Gestalt einer jungen Philippinin landet die weite Welt viel weniger düster, aber nicht weniger dramatisch in Hirtshals, am Nordende Dänemarks. Ulrik (Jens Albinus) hat sich Rosita „bestellt“; der Witwer wünscht sich mal wieder eine Frau im Haus. Regisseurin Aspöck erzählt mit leichter Hand und drei bemerkenswerten Hauptdarstellern von der komplizierten Begegnung der Welten. Und das Fischermärchen im Dunst der horizontlosen Küste entwickelt seine eigene Dynamik, als sich Ulriks Sohn Johannes (Mikkel Boe Foelsgaard) in Rosita (Mercedes Cabral) verliebt. Und wo die eine ankommt in der neuen kleinen Welt, treibt es den anderen am Ende heraus aus der Enge der Provinz.

So werden Gewissheiten erschüttert, erweitern sich bekannte Bilder in neue Dimensionen. Und die Geschichten von Heimat und Fremdheit setzen sich im Dokumentarfilm fort: Im Kurzfilm Heimat, in dem Raghad aus Syrien ihr Idol Morten Harket von der Band a-ha trifft. Oder in Ich bin Dublin. Die schwedische Doku erzählt am Beispiel von Ahmed, der seit sechs Jahren zwischen Ländern und Behörden herumgeschoben wird, wie sich die Heimatlosigkeit vervielfacht, das Leben zum Leben im Transit schrumpft.

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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