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Büchermacher vom Lande

Unibibliothek Kiel Büchermacher vom Lande

Seine Bücher sind keine gewöhnlichen Druckwerke: Seit zehn Jahren macht Jens Uwe Jess, Gutsherr von Eichthal bei Eckernförde, Künstlerbücher. Die Universitätsbibliothek Kiel stellt sie jetzt aus.

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Verleger Jens Uwe Jess vor einem stark vergrößerten Ausschnitt aus der Graphic Novel „Der Schimmelreiter“.

Quelle: Foto: Marco Ehrhardt

Kiel. Mit Uwe Tellkamps Uhrenbuch hat er es 2010 unter die zehn schönsten Bücher Deutschlands geschafft. 24 Prosaminiaturen, verteilt auf eine Tag- und eine Nachtseite, begleitet von den filigran verwunschenen Schwarzweißgold-Grafiken des Berliner Künstlers Andreas Töpfer. „Mein Lieblingsbuch“, sagt Jens Uwe Jess; und wie er dann durch die Seiten blättert, hier und da ein Detail aus den Illustrationen herauspickt und erklärt, ihm dann noch die Korrespondenz mit dem Dresdner Autor in den Sinn kommt, hat man hier einen Verleger aus Leidenschaft vor sich. Seiner Edition Eichthal widmet ab heute die Universitätsbibliothek Kiel eine vielseitige, schön gestaltete Ausstellung: Künstlerbücher vom Lande.

 13 Bücher hat der Gutsherr von Eichthal bei Eckernförde in zehn Jahren herausgebracht – Künstlerbücher, in denen Text und Bild eine unmittelbare Verbindung eingehen. Günter Kunert und Klaus Fußmann hat er 2007 zusammengebracht (Endgültig morgens um vier), den derweil malerisch gebändigten Künstler später mit Texten von Jochen Missfeldt (Schleiland) kombiniert. Zu Feridun Zaimoglus Neufassung des Märchenklassikers Vom Fischer und seiner Frau steuerte Hans-Ruprecht Leiß bläulich zarte Meeresbilder bei; Ute Helmbold setzte Storms Schimmelreiter in morastigen Farben zwischen Film und Comic in Szene. „Helmolds Kritzelstrich hat ja schon dieses Vage“, sagt er, „da brauche ich über Aberglauben gar nicht mehr zu reden.“ Und der Maler Friedel Anderson musste für seine Gorch-Fock-Impressionen zum Autor werden. „Die Kunst soll nicht einfach illustrieren. Sie soll so sein, dass man durch die Bilder den Text paraphrasieren kann“, sagt der 76-Jährige. Und: „Ich mache nur Erstausgaben.“

 „Wir wollten nicht nur die Kunstwerke, sondern auch Einblick in das Entstehen der Bücher geben“, so Fachreferentin Klara Erdei, die die Schau konzipiert hat. So zeigen die Vitrinen im Erdgeschoss neben den Büchern auch Druckplatten, Manuskripte, Originalgrafiken und Aquarelle. Und auf Schautafeln vermitteln groß aufgezogene Briefe und Mails einen Eindruck vom Ringen oder auch Einverständnis zwischen Verleger und Autor. Da fordert ein erboster Uwe Tellkamp zu seinen Texten „Bach, und keine Tonkleisterei“, also Illustrationen, die die Präzision des Uhrwerks vermitteln. Da ringen Jess und Jochen Missfeldt („einer meiner Lieblingsautoren“) um Erzählpassagen, und da lobt der Verleger Feridun Zaimoglu und bringt nebenbei noch die Persönlichkeit des Autors auf den Punkt: „Wunderbarer Hammertext. Wer bist du wirklich? Die Frage bleibt.“

 Und weil Jess, dessen Bücherliebe auch in der Familiengeschichte und dem Dresdner Verlag seines Onkels Wolfgang Jess ihre Wurzeln hat, nicht nur Büchermacher, sondern auch Sammler ist, zeigt die Uni-Bibliothek auch eine Auswahl seiner seltenen Erstlinge von deutschen Schriftstellern. Hesses Romantische Lieder, von denen noch 54 Exemplare existieren, gehören dazu, Musils Törleß, bei dem es zehn Jahre brauchte, bis die Erstauflage verkauft war. Auch das erste Druckwerk von Literaturnobelpreisträger Günter Grass gehört zu Jess’ Schätzen, eine Festschrift für die Meierei Bolle in Berlin zum 75-Jährigen: „Und die 300 Mark, die er dafür bekam, die hat er 1955 wohl dringend gebraucht.“

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