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Wunderwerk an Disposition

Edgar Krapp in Kiel Wunderwerk an Disposition

Starorganist Edgar Krapp, der 1971 mit dem Ersten Preis beim renommierten ARD-Wettbewerb in München seine bemerkenswerte Karriere begann, tourt jedes Jahr an die Förde. Eine große Fangemeinde freut sich auf seine Tastenkunst. Sein neuestes Konzertprojekt rund um Johann Sebastian Bach findet am 9. November in der Kieler Nikolaikirche statt.

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Jedes Jahr kommt er wieder: Edgar Krapp am Spieltisch der großen Orgel in der Nikolaikirche Kiel.

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. Der Organist und Musikwissenschaftler Edgar Krapp, der 1971 mit dem Ersten Preis beim renommierten ARD Wettbewerb in München seine bemerkenswerte Karriere begann, tourt jedes Jahr einmal an die Förde. Eine große Fangemeinde freut sich inzwischen auf seine oft erhellend moderierte Tastenkunst. Im Interview mit Kulturredakteur Christian Strehk gibt der 68-Jährige Auskunft über sein neuestes Konzertprojekt rund um Johann Sebastian Bach, das am Montag 9. November um 20 Uhr in der Kieler Nikolaikirche am Alten Markt gemeinsam mit der Studentenkantorei unter Leitung von Universitätsmusikdirektor Bernhard Emmer stattfindet.

Gibt es eine Beziehung der gewählten Stücke zu Norddeutschland? Die Buxtehude-Tradition war ja für den mitteldeutschen Bach von großer Bedeutung. Wobei der „Stylus phantasticus“ vor allem mit Bachs Chromatischer Fantasie in Verbindung gebracht wird, oder?

Krapp: Nicht nur damit, sondern dieses spezielle Stilistik zieht sich durch Bachs gesamtes Orgelschaffen, vor allem finden wir den "Stylus phantasticus" in den Jugendwerken, die er im Anschluss an seine berühmt gewordene Studienreise nach Lübeck komponiert hat. Einflüsse von Buxtehude und der norddeutschen Schule enthalten auch die späteren Werke, nur hat Bach dann Toccaten bzw. Präludien und Fugen immer getrennt, d.h. die Fugen bekommen bei ihm ein größeres Gewicht als wenn sie nur als relativ kurze Episoden auftauchen.

Toccaten waren häufig ausdrucksstark und motorisch ausgreifende Effektstücke, um die Potentiale der Instrumente auszureizen und darzustellen. Ist das auch im Fall BWV 540 das zentrale Anliegen Bachs?

Hier kann ich gleich an meine obenstehende Antwort anknüpfen: Durch die Trennung von Toccata und Fuge gelingt es Bach, das Ausdruckspotential beider Werkteile mehr als bisher auszureizen und zuzuspitzen. So ist die F-Dur-Toccata aufgrund ihrer Virtuosität, ihrer beiden großen Pedalsoli und ihres rhythmischen „Drive“ besonders mitreißend geraten, während die Fuge (es ist eine Doppelfuge mit zwei gegensätzlichen Themen, die sich am Schluss verbinden) ein Wunderwerk an klarer Disposition und polyphoner Durchsichtigkeit ist, mit einer hinreißenden effektvollen Schlusssteigerung, wenn das Hauptthema noch einmal durchdringend im Pedal ertönt.

Welche Bedeutung haben die Schübler-Choräle für die Geschichte der Orgelmusik?

Die sechs Schübler-Choräle stellen im Bach’schen Schaffen und damit auch in der Orgelmusik-Geschichte eine Besonderheit dar: Es sind eigenhändige Bearbeitungen aus früher entstandenen Kantaten und sie stoßen damit das Tor weit auf für die bis in unsere Zeit anhaltende Praxis, Choräle, Arien, Symphoniesätze, ja manchmal sogar ganze Opernausschnitte auf die Orgel zu übertragen. Bach hat seine Auswahl allerdings so geschickt getroffen, dass diese Übertragungen wie eigenständige Kompositionen klingen. Wer es nicht weiß, würde diese Choräle niemals für „Arrangements“ halten.

Während Ihr Kollege Christoph Wolff im Direktorium der Neuen Bachgesellschaft Leipzig BWV 540 schon auf Bachs Weimarer Zeit als dortiger Hoforganist um 1708 datiert, ist Präludium und Fuge Es-Dur BWV 552 tatsächlich ein Leipziger Spätwerk von 1737. Auf welche Weise setzte sich der Thomaskantor auch in der Orgelmusik damit ein klingendes Denkmal?

Bachs Präludium und Fuge Es-Dur ist für mich das strahlendste und perfekteste seiner freien Orgelwerke, die Verbindung von Virtuosität, Geist und intelligenter Umsetzung von theologischen Bildern in Musik ist einmalig gelungen. Bedenken Sie, dass Bach hier das Wagnis unternommen hat, den Gedanken der göttlichen Trinität, also dreier Personen in einer Gestalt, musikalisch auszudrücken: 3 Themen im Präludium und 3 Themen in der Fuge, die sich am Schluss allmählich miteinander verzahnen, symbolisieren dies. Nicht umsonst hat Bach dieses Werk dann als festlichen Rahmen für seinen größten und anspruchsvollsten Orgelzyklus ausgewählt, den III. Teil der Klavierübung mit insgesamt 27 (= 3 x 3 x 3) Stücken.

Sie haben mehrfach Bachs gesamtes Orgelwerk gespielt und auch prägend aufgenommen. Nun gab es in der Interpretationsgeschichte gerade im Fall Bach durch die „historisch informierte Aufführungspraxis“ viele stilistische Veränderungen. Hat sich Ihr eigenes Spiel im Laufe der Jahrzehnte gewandelt?

Sie haben Recht: in der „Alten-Musik-Szene" gab es in den letzten Jahrzehnten viele und teils sehr einschneidende neue Interpretationsansätze, die natürlich auch an meinem eigenen Spiel nicht spurlos vorübergegangen sind. So habe ich vor allem in den Bereichen Artikulation und Registrierung etliche Verfeinerungen vorgenommen und in mein Spiel mit eingebaut. Allerdings nicht so sehr im rhythmischen Bereich, wo es meines Erachtens manche überzogene und für mich nicht mehr nachvollziehbare Entwicklungen gab. Am meisten gelernt habe ich beim Spielen der original erhaltenen historischen Instrumente von Schnitger (Hamburg, St.Jacobi), Silbermann (Dresden, Hofkirche), Riepp (Ottobeuren), Gabler (Weingarten) und Cliquot (Poitiers), um nur einige herausragende zu nennen. Denn mehr als jeder andere Musiker hat der Organist glücklicherweise immer wieder Gelegenheit, bei seinen Konzerten Instrument, Raum und die dazugehörigen Kompositionen in derselben Einheitlichkeit zu erleben wie vor 200 oder 300 Jahren.

Montag, 9. November 2015, 20 Uhr St. Nikolai Kiel: Bach-Abend. Werke von Johann Sebastian Bach, u.a. „Der Geist hilft unser Schwachheit auf“ BWV 226; Kantate BWV 191; große Orgelwerke. Edgar Krapp (Orgel), Studentenkantorei der CAU, Mitglieder des Philharmonischen Orchesters Kiel.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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