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Hassgeifer und Tränenschleier

Staatsoper Hamburg Hassgeifer und Tränenschleier

Auch wenn es nicht ganz schicklich wirkt – man kommt gar nicht umhin, Edita Gruberovas Alter zu nennen, um das Phänomen staunend zu beschreiben. Die aktuelle Karajan-Preisträgerin kann zu Weihnachten bereits ihren 68. Geburtstag feiern. Und immer noch singt sie im Belcanto-Fach die gesamte Konkurrenz an die Wand.

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Das Belcanto-Traumpaar beim Schlussapplaus: José Bros und Edita Gruberova. Weitere Vorstellungen sind bereits ausverkauft.

Quelle: "Friedemann Simon, Hohenzollernri"

Hamburg. Da ist es völlig nebensächlich, ob doch mal ein Spitzenton verhärtet oder ein Passagio-Übergang kleine Umschaltgrate verrät.  In der bejubelten konzertanten Hamburger Staatsopernpremiere von Gaetano Donizettis „Opera seria“ Lucrezia Borgia bohrte sich die laserlichtstarke Intensität ihres Soprantons wieder unwiderstehlich in Hirn und Herz. Und das gelingt immer wieder, weil der Ton eben nicht starr oder nur laut ist, sondern aufgrund seiner sagenhaften Flexibilität überraschende Wendungen vollführt. Als scharf züngelnde, skrupellose Despotin Lucrezia, deren Weg Leichen pflastern, ist sie eine Idealbesetzung. Denn umwerfend ist die Rückverwandlung in eine unglückselig warmherzig liebende Frau, als sie aus Versehen ihren Sohn Gennaro ans Messer liefert.

 Die Fähigkeit Gruberovas, mit einer flatternden Koloraturgirlande den finster entschlossenen Gatten (sehr imposant hinterhältig: Bassbariton Adrian Sampetrean) um Gnade für den Sohn anzuflehen und dann bei Ablehnung hassgeifernd die vokalen Krallen auszufahren, war genauso verblüffend wie das tränenverschleierte Schweben der Stimme in berührender Hoffnungslosigkeit. In José Bros hatte die „Slowakische Nachtigall“ einen Lieblingspartner an ihrer Seite, der den Gennaro mit metallischer Stärke rüstete, aber in seiner großen Arie auch zu einer Lehrstunde in schmelzender Legato-Kultur fähig war. Und die Mezzosopranistin Cristina Damian komplettierte das beachtliche Sängerteam als Orsini nicht nur mit einem energiesprühenden Trinklied.

 Schade nur, dass Pietro Rizzo am Pult die mäßig präzise geprobten Philharmoniker nur zu Begleitgeschrammel zu animieren vermochte. Da steckt bei Donizetti mehr drin.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion