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Auch im Königsleben kann was in die Grütze gehen

Jochen Malmsheimer und Uwe Rössler im Metro-Kino Auch im Königsleben kann was in die Grütze gehen

Warum kann so nicht Geschichtsunterricht sein? Gut, der Unterhaltungs- drängt hier den Bildungsansatz nicht unerheblich an den Rand. Doch Humor bei der Wissensvermittlung kann nicht schaden.

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Finsteres Mittelalter im Kerzenschein: Jochen Malmsheimer (rechts) und Uwe Rössler.

Quelle: Foto: Björn Schaller

KIEL. Basierend auf der hanebüchenen Geschichte der überraschenden Entdeckung des Tagebuchs Heinrichs IV., rollte der Kabarettist Jochen Malmsheimer eine in Teilen grandios fabulierte Vita des Salierkönigs (1050 bis 1106) und späteren Kaisers bis zu dessen berühmtem Gang nach Canossa auf – den er seiner Frau als Shopping-Tour verkauft habe. Seitenhieb auf den seinerzeit vermeintlichen Scoop des Wochenmagazins „Stern“ mit den angeblichen Hitler-Tagebüchern inklusive und zum überwiegend großen Vergnügen des Publikums im nicht ganz vollbesetzten Saal des Metro-Kinos, dem Malmsheimer kurz nach der Pause sogar noch ein langes Schwert als „Instrument zur Diskussionsverkürzung“ präsentierte.

 Wer Malmsheimer kennt, der ahnt nicht nur, der weiß, dass das gern als finster verrufene Mittelalter ein gefundenes Fressen für diesen sich mit Vorliebe im Sprachbarock übenden Autor ist. Deftig, stimmgewaltig und ungeheuer dicht in Bilderreichtum, Anspielungen und Humor, zitierte Malmsheimer Passagen aus dem Tagebuch des Monarchen. Von ersten, noch kryptischen Einträgen als Fünfjähriger bis zu eben jenem berühmten Bußgang im Winter 1076/77, der Papst Gregor bewegen sollte, die Exkommunikation aufzuheben.

 Dieser historische Akt nimmt allerdings abschließend nur einen geringen Teils des Programms ein. Der Löwenanteil wird an die Jugend des künftigen Regenten – von seiner Mutter gern „Heini“ gerufen – verfüttert. Oft, sehr oft finden sich Eintragungen zum Thema Grütze, die zu Heinrichs Leidwesen täglich mehrfach in diversen Variationen serviert wird – an Weihnachten aber wenigstens mal mit zwei Rosinen drin. Gestorben, ob natürlich oder eher nicht, wird auch reichlich. Und das Leben am Hof ist mit all den Fehden und geschmiedeten Ränken selbst für einen heranwachsenden Regenten kein echtes Zuckerschlecken.

 Umrahmt und untermalt wird Malmsheimers furioser, gesten- und grimassenreicher Vortrag vom sonst beim „Tiffany-Ensemble“ wirkenden Uwe Rössler. Ein prima Sidekick, der nicht nur passend Lautmalereien beisteuert, sondern auch fingerfertig die Klaviertasten mit dem mittelalterlich zeittypischen „variationslosen Gefiepe und Gehupe“ (Malmsheimer) bedient. Immer wieder mit dem oft, sehr oft angespielten Stück Tedescha des Komponisten Giorgio Mainerio, einer Art „Dieter Bohlen des 16. Jahrhunderts“ (wiederum Malmsheimer), das einst als Titelmelodie der Sendung „ZDF-Matinee“ diente.

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