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Ritter in der Rumpelecke

"Don Quijote“ im Werftpark-Theater Ritter in der Rumpelecke

Don Quijote – war das nicht jener leicht übergeschnappte Ritter von der traurigen Gestalt, den sein literarischer Vater Miguel de Cervantes gegen Windmühlen kämpfen ließ? Ein großartiger Stoff, nicht nur für Erwachsene.

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Buntes Bühnengeschehen frei nach Cervantes: Pia Leokadia als Zoe und Sebastian Kreuzer als Linus.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Im festen Glauben, der Gerechtigkeit zu dienen, sieht dieser selbst ernannte Held in den harmlosesten Gegenständen gefährliche Widersacher und stürzt sich so in die tollsten Abenteuer. Was der Mann aus der Mancha in seiner überbordenden Fantasie erschafft, ist für kleine Menschen Jahren ein Kinderspiel – ab sofort zu erleben im Werftpark-Theater. Christoph Busche hat gemeinsam mit Regisseurin Gunilla Hällström eine kindertaugliche Theaterversion aus dem 400 Jahre alten Abenteuerroman entwickelt. Es ist nach Homers Odyssee das zweite Stück, mit dem Theaterleiterin Astrid Großgasteiger versucht, ihrem jungen Publikum Klassiker der Weltliteratur schmackhaft zu machen.

 Die kleine Probebühne hat sich in eine spannende Rumpelecke verwandelt. Auf zwei Ebenen liegt allerhand Kram herum, bestens geeignet zum Herumspinnen und Verkleiden (Bühne und Kostüme: Günter Hans Wolf Lemke). Zoe ist hier total in ihrem Element. Sie liebt die Geschichte von Don Quijote, die sie dem Publikum in Auszügen als Bilderbuch präsentiert, und schlüpft mit einem Sieb auf dem Kopf und einem Backblech als Panzer selbst in die Rolle des Ritters. Weil das alleine wenig Spaß macht, überredet sie den ewig hungrigen Linus zum Mitspielen. Der lässt sich nach anfänglichem Zögern mitreißen. Als König mit einem kaputten Eimer als Krone schlägt er Don Quijote zur Freude der jungen Zuschauer mit einer Salatgurke zum Ritter, wenig später schluckt er widerwillig die Degradierung zum Knappen.

 Auf einem grauen Holzgestell, das einen prima Esel abgibt, legt Sebastian Kreuzer einen wilden Galopp hin, überragt von Pia Leokadia, die auf einer rötlichen Leiter den stolzen Ritter auf seinem Ross Rosinante gibt. Spielfreudig charmant bestehen beide das knapp einstündige Bühnenabenteuer, das den Grundgedanken des Romans aufgreift, ohne die Geschichte nacherzählen zu wollen. Während Zoe in ihrer Fantasiewelt völlig gefangen ist, bleibt Linus stets mit einem Bein der Realität verhaftet. Kreischende Vögel, für sie blutrünstige Seeadler, benennt er nüchtern als Möwen, orientalische Musik, die laut Zoe aus einem romantischen Bengalen-Zelt herüberweht, verortet er im Lotto-Geschäft um die Ecke. Und so wird sich zwischen geräuschvollen Kämpfen gekabbelt und durchgekitzelt – letzteres gefiel den kleinen Zuschauern ausgezeichnet.

 Zur freundlich aufgenommenen Uraufführung am Sonntag war das kindliche Zielpublikum zwar in der Minderheit, blieb jedoch bis zum Ende hochkonzentriert bei der Sache. Vor allem unter den Jüngsten ist die Anspannung mit Händen zu greifen, als Zoe alias Don Quijote im Off dem gemeinen Sven die ritterliche Stirne bietet, der Linus in der Schule die Schokolade geklaut hatte. Und als sie verkloppt und verspottet wie das literarische Vorbild zurückkehrt, ist das Mitgefühl groß. Es gibt gar keine Ritter? Von wegen! „Jeder darf sein, was er will“, sagt Zoe. Und weil sie so tapfer für die Gerechtigkeit gekämpft hat, ist sie auch einer. Irgendwie.

  Nächste Vorstellungen: heute, Di., 10 Uhr, Sa. 3.12. ,12 Uhr; So 4.12., 16 Uhr; Di 6.12., 12 Uhr; 7.+8.12., 10 Uhr. Karten: Tel. 0431 / 901901, www.theater-kiel.de

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