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Das Bohren im Gewissen

Staatsoper Hamburg Das Bohren im Gewissen

Auf Grundlage einer Novelle von Alessandro Barrico hat der ungarische Komponist und Dirigent Péter Eötvös mit dem keineswegs blutleeren Psycho-Musikdrama "Senza Sangue" ein Pendant für Béla Bartóks grandiosen Einakter "Herzog Blaubarts Burg" geschaffen. In der mutig Verbindung herstellenden Kammerspiel-Inszenierung des russischen Regisseurs und Bühnenbildners Dmitri Tcherniakov funktioniert das neue Doppel an der Staatsoper Hamburg erstaunlich gut.

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Die Sänger Claudia Mahnke als Judith und Balint Szabo als Blaubart im Hotelzimmer.

Quelle: dpa

Hamburg. Mädchenaugen voller Todesangst und ein rachedurstiger Partisanenkämpfer, der darauf verzichtet, direkt nach ihrer schuldbeladenen Familie auch sie zu töten: Das ist die jahrzehntealte Vorgeschichte einer schicksalhaften Wiederbegegnung im Caféhaus. Die „Frau“, der Angela Denoke mit nach wie vor brennend intensivem dramatischem Sopran die ungebrochen aufrechte Statur einer Rachegöttin verleiht, und der „Mann“ belauern sich mit Fragen und Anwürfen um Schuld und Sühne. Sergei Leiferkus’ schon etwas angegrauter Bariton passt gut in diese Situation. Und Eötvös unterfüttert ihre seltsamerweise italienischen Sprechgesangpartien mit einer flächig erdachten, atmosphärisch eindringlichen Psychokrimi-Musik, die in Orchesterbesetzung und rhetorischer Gestik schon stimmig auf Bartóks zielt – ohne ihn zu imitieren.

 Wenn die beiden schließlich zur Versöhnungs- oder Vergeltungsnacht im Hotelzimmer verschwinden, dient es Tcherniakov als Blaubarts allerletzte Seelenfestung. Die Frau, nun Bartóks Judith, „erschließt“ nach seinem Suizidversuch unbeirrt alle sieben Türen im Über-Ich des Mannes. In der Guckkastenbühne mit Bett und Schrank und Nachttischlampen tun sich naturgemäß nur imaginäre Räume auf. Und doch steht dem Hörer die grausig blutbefleckte, vom Gewissen eingekapselte Biografie Blaubarts plastisch vor Augen. Das liegt auch an den von Eötvös hervorragend auf Bartóks expressionistische Farbexplosionen eingeschworenen Philharmonikern.

 Bálint Szabó erreicht in seiner ungarischen Muttersprache zwar nicht die bassschwarze Expressivität großer Titelpartie-Vorgänger wie Walter Berry oder John Tomlinson, ist aber ein guter Gegenspieler von Claudia Mahnkes eindringlich forschem und forschendem Mezzosopran. Wie blutig das zweistufige Drama um die in riesiger Projektion in Erinnerung gerufenen Mädchenaugen schließlich ausgeht, bleibt nach der Aufdeckung aller Wahrheiten offen. Das Premierenpublikum reagiert darauf mit bewegter Begeisterung.

Staatsoper Hamburg. Termine am 9., 15., 19., 23., 26. und 30. November, jew. 19.30 Uhr. Karten: 040 / 35 68 68. www.staatsoper-hamburg.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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