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Blatt für Blatt Sammlerglück

Sammlung Bönsch in der Stiftung Gottorf Blatt für Blatt Sammlerglück

Französischer und deutscher Impressionismus, klassische Moderne und Nachkriegskunst: Die Grafiksammlung des Wolfsburger Ehepaares Hans-Joachim und Elisabeth Bönsch soll als Dauerleihgabe die Stiftung Gottorf bereichern. Die neue Ausstellung unter dem Titel "Ouvertüre", die am 9. Oktober eröffnet wird, gibt erste Einblicke. 

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Französischer Impressionismus ist einer der Schwerpunkte der Sammlung: Blick auf Lithografien von Henri de Toulouse-Lautrec.

Quelle: Foto: Manuel Weber

Schleswig. Die Grafik verlange vom Betrachter ein genaues Hinsehen, sagt Elisabeth Bönsch im Interview mit der Gottorfer Museumsdirektorin Kirsten Baumann, das im Katalog nachzulesen ist. Die Sammlerin weiß bei aller Leidenschaft für die Kunstform, dass Radierungen, Lithografien oder Holzschnitte nur zu gern unterbewertet werden. „Auf den vergnüglichen Spielplätzen der amüsierten Kunstwelt lässt sich dieser Kunst allerdings weniger begegnen“, sagt die 74-Jährige nicht ohne Ironie. Am Sonntag kommt sie zur Eröffnung mit Einblicken in die Sammlung Bönsch nach Gottorf. Unter dem Titel Ouvertüre hat Kurator Thomas Gädeke aus der 2500 Exponate umfassenden Kollektion eine Auswahl getroffen, die Schlaglichter auf die Schwerpunkte wirft.

 Die Sammlung des Wolfsburger Arztehepaars, die mit Vertragsunterzeichnung am 22. Januar als Dauerleihgabe nach Gottorf kam, charakterisiert Kirsten Baumann als reine Grafiksammlung, die um einige Gemälde und Skulpturen ergänzt ist. In den Sechzigerjahren hatten der vor vier Jahren verstorbene kunstsinnige Hans-Joachim Bönsch und seine Frau damit begonnen Kunst zu kaufen. Eine Lithografie von Henri de Toulouse-Lautrec hatte den Anstoß gegeben und sollte zum Grundstein der Sammlung werden, die Elisabeth Bönsch federführend aufbaute. Aber bevor man Blatt für Blatt oder ganze Zyklen in den Grafikschrank legte, arbeitete sich das Paar ein Jahr lang in die Materie ein: Man studierte die abonnierten Auktionskataloge, verglich die Versteigerungserlöse mit den Schätz- und Limitpreisen und sparte sich, wie Thomas Gädeke nach langen Gesprächen mit der Sammlerin sagt, „eine Menge Lehrgeld“.

 Das Augenmerk der Bönschs lag über die Jahre und Jahrzehnte auf Werken des deutschen und französischen Impressionismus, der klassischen Moderne und der Nachkriegskunst. Mit ihrem Fokus auf Druckgrafik ist sie mit dem Format und Stellenwert der Sammlung Horn, die in Gottorf dauerhaft gezeigt wird, nicht zu vergleichen. Das sieht Kirsten Baumann nicht anders. Aber die Direktorin bricht für die Beschäftigung mit der Grafik eine Lanze und verweist zum anderen darauf, dass die Blätter der Bönsch-Sammlung als „perfekte Ergänzung“ zu Horn ins Haus komme und im Bestand der impressionistischen Kunst eine Lücke schließe. Pro Jahr will man eine Sonderausstellung aus dem Bönsch-Bestand generieren, die entweder in Gottorf oder in den anderen Dependancen der Stiftung denkbar sei.

 Was die Museumsfrau angesichts künftiger Präsentationen besonders freut, ist der konservatorische Zustand der Sammlung. Alle Blätter in Leinenschubern seien sorgsam passepartouriert. Dass es an Stoff für weitere tiefere Einblicke und thematische Kabinettschauen nicht mangelt, belegt Thomas Gädeke anhand von rund 100 Blättern. Ausgewählte Gemälde von Lovis Corinth, Max Slevogt, Max Liebermann, Werner Gilles, Karl Hofer setzen in den Ausstellungsräumen des 19. Jahrhunderts im Schloss vor farbigen Wänden die nötigen Spannungsakzente.

 Gädeke hat den Rundgang durch die Schau chronologisch aufgebaut, was naheliegend ist. Denn die titelgebende Ouvertüre sagt er, sei eben als Einstimmung gedacht und keineswegs als Höhepunkt. Der solle mit monografischen Sonderschauen ja noch folgen. So wird der Blick auf eine großformatige Lithografie Henri de Toulouse-Lautrecs mit dem Titelmotiv der literarisch-künstlerischen Zeitschrift „La Revue“ gelenkt, für die Künstlermuse, Pianistin und Salondame Misia Sert Modell gestanden hatte. An manchen Blättern von Daumier, Cezanne oder Renoir geht man schneller vorbei als an Goyas fulminanten Stierkampfszenen und Caprichos, die als Rückgriff eine Wand füllen. Unter den deutschen Impressionisten fallen vor allem die feinen, aber umso prägnanteren Radierungen von Lesser Ury ins Auge, der wie kein zweiter das Berliner Großstadtleben auf kleinstem Blattformat einfangen konnte. Diese nach persönlichen Vorlieben gewachsene Kollektion in publikumswirksame Museumsformate zu gießen, steht künftig als Herausforderung im Raum. Klug, dass die Stiftung sich vertraglich offenbar sinnvolle Freiheitsgrade eingeräumt hat.

www.schloss-gottorf.de

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