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Eindringlich wie eh und je

Achim Reichel in Kiel Eindringlich wie eh und je

Es ist Pause beim phantastischen Achim Reichel Konzert im sehr gut besuchten Kieler Schloss. Draußen spricht ein Vater behutsam mit seinem Sohn. Der kleine Filius hatte sich nämlich gerade ein wenig beklagt, dass in der ersten Hälfte der „Raureif“-Show mit Der Spieler und Theodor Fontanes als Country-Rock vertonte Ballade John Maynard bisher nur zwei der ganz bekannten Reichel-Klassiker zum Besten gegeben wurden.

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Achim Reichel spielte am Sonnabend in Kiel.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. „Der Mann steht seit über 50 Jahren auf der Bühne und hat einfach sehr viele Songs geschrieben. Auch welche, die man nicht so kennt. Außerdem ist gerade ein neues Album heraus gekommen. Da ist es doch klar, dass er erst mal ein paar der aktuellen Sachen spielt. In der zweiten Hälfte wird’s ganz sicher noch mehr Hits geben“, erklärt Papa. Damit sollte er absolut Recht behalten. Und nicht nur Reichels Version des Kinderliedes  Der Mond ist aufgegangen war den jüngsten Zuhörern dabei ein Begriff. Begleitet von seiner wahrlich exquisiten Band begeisterte der „Urvater der deutschen Rockmusik“ und ehemalige Kopf der legendären deutschen Beatband The Rattles im zweiten Durchgang mit vielen weiteren kernigen, aber trotzdem zuweilen melancholischen und viel Fernweh atmenden Perlen zwischen Rock, Blues, Country und Shanty-Folk.

Nachdem das grandiose Chanson  Charlie noch eine etwas ruhigere Gangart einlegte, begann die Party mit  Steak, Bier und Zigaretten, nahm über das mit energiegeladenen Irish-Dance Elementen angereicherte Fontane- Kleinod Herr von Ribbeck gehörig Fahrt auf, legte mit der Ringelnatz-Vertonung Kuttel Daddeldu noch eine Schippe drauf und liefert mit Aloha Heja He den absoluten Gänsehaut-Moment des Abends. Mit einer Inbrunst, die man sonst nur bei Paul McCartney Konzerten und dem finalen Chorus von Hey Jude kennt, sangen die Zuhörer den unsterblich schönen Refrain des Seemanns-Liedes, das vielleicht Reichels größter Erfolg ist. Danach riss es das Auditorium spontan zu stehenden Ovationen hin, was den während des Konzerts sitzenden aber stimmlich eindringlich und agil wie eh und je agierenden 70-Jährigen auch sichtlich erfreute. 

Und die neue Scheibe „Raureif“ ? Großartig, und unverwechselbar Achim Reichel. Fünfzehn Jahre nach seinem letzten „normalen“ Studioalbum klingt das zu großen Teilen während einer dreimonatigen Auszeit auf Mallorca konzipierte Werk frisch, ungekünstelt, irgendwie entspannt und stilistisch ausgesprochen vielfältig. In der Hängematte ist ein im lässigen Reggae-Groove trabender Gute-Laune-Song. Der schräge Shanty Ole Pinelle dagegen prescht als druckvoll Rock 'n' Roller nach vorne, während man zu Marianna getrost das Tango-Tanzbein schwingen kann.

In einigen Jahren werden Songs des Album vermutlich zu Klassikern geworden sein. Und ein junger Mann wird sich dann freuen, sie als Kind mit seinem Vater als einer der ersten live gehört zu haben.  

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