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Die Trios setzten die Akzente

Jazz Baltica Die Trios setzten die Akzente

Es waren vor allem die zwei Dreiergespanne, die am letzten Tag der Jazz Baltica 2016 in Niendorf die künstlerischen Akzente setzten. Das Joachim Kühn New Trio bewies am Sonntagsmittag in seiner Konstellation, dass Jazz vieles ist, aber bestimmt keine Altersfrage. Und das Omer Klein Trio zeigte, wie spannend die jazzige Verbindung von Orient und Okzident klingen kann.

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Das Omer Klein Trio, das auch drei bislang unveröffenliche Kompositionen spielte, wurde vom Publikum für seinen einfallsreichen Brückenschlag zwischen Orient und Okzident gefeiert.

Quelle: Axel Nickolaus

Timmendorfer Strand. Der Pianist Joachim Kühn ist einer, der sich gern jüngere Spitzenmusiker an die Seite holt. Das Stürmen und Drängen scheint auf den 72-Jährigen wie eine Dopingspritze zu wirken im improvisationssatten Zusammenspiel der deutschen Jazz-Pianisten-Eminenz, des wieselflinken, hellwachen Schlagzeugers Eric Schaefer (39) und des wendigen kanadischen Kontrabassisten Chris Jennings. Kühn steckt ganz tief drin in diesen aufregenden, kernigen Grooves, in die das Trio nach tastenden, sperrigen Intros immer wieder gleitet. Er schüttelt oder wiegt das ergraute Haupt im Takt, lächelt beim Sonderapplaus für ein Solo nur kurz dankbar in die Menge, um dann wieder mit geschlossenen Augen einzutauchen. Die Stücke stammen von Beauty And Truth, dem ersten Album des Trios. The End von den Doors ist kaum wiederzuerkennen, aber die Lesart des Trios mit Jennings klaftertiefem Funk-Bass und Schaefers ballernden Drums, dazu Kühns quirlig tanzenden Pianofiguren ist grandios um die Ecke gespielt. Stark auch das temporeiche Machineria, das verschlungene Transmitting und die fabelhaft umgedeuteten Blues For Pablo (Gil Evans) und Kattorna (Krzysztof Komeda), von dem das Trio als frenetisch geforderte Zugabe auch noch das zärtliche Sleep Safe And Warm (aus Roman Polanskis Horrorfilm Rosemary’s Baby) spielt. Standing Ovations.

 Die bekommt am Ende für seine ungeheure Musikalität auch das Omer Klein Trio, das außer druckvollen Stücken von seinem aktuellen Album Fearless Friday auch taufrische im Repertoire hat, die Anfang kommenden Jahres aufs nächste Album kommen sollen. Etwa die Ballade Josephine, beginnend mit Kleins lyrischem Piano-Spiel, das sich in der Folge mit coolen, Steely-Dan-artigen Passagen abwechselt. Als eloquente musikalische Geschichtenerzähler erweisen sich Klein, Haggai Cohen-Milo (Bass) und Amir Bresler (Drums) auch bei den anderen beiden Neulingen, One Step At A Time und dem zugegebenen Spilled Milk, wo es sich um warme Milch handeln muss, denn auf den weiche Bass-Schlagzeug-Boden pflanzt Klein mit den Tasten voluminöse, tiefe Single-Notes. „You are so beautiful“, freut sich Klein über die stehend jubelnde Menge, macht ein Foto von ihr und scherzt, wenn ein Publikum wüsste, wie wichtig es für das Gelingen eines Konzerts sei, würde es sich bezahlen lassen.

 Nach diesem dynamischen Dreier-Doppel hat der polnische Star-Violinist Adam Baldych mit der NDR Bigband keinen leichten Stand. Zweifellos virtuos und variantenreich sein Spiel, klingt das breitwandige Ganze – von ein paar akustischen Eruptionen abgesehen – mit all dem Gesirre und Percussion-Geklöter auf Dauer wie der allzu wohlklingende Soundtrack zu einem Elben-Film. Folglich ist der Beifall auch nicht allzu enthusiastisch.

 Tänzerische Kondition ist dann noch mal bei Mo’ Blow gefragt. Das Berliner Quartett holt sich beim von Beifall umtosten Jazz-Baltica-Abstecher auf der Abschiedstour Nils Landgren als „Special Guest“ dazu. Aus dessen roter Posaune setzt es Attacken auf Mo’ Blows knackige Jazz-Funk-Grooves mit viel Slap-Bass, die allerdings Eigenständigkeit vermissen lassen, von Mörder-Grooves wie Call Me Milroy mal abgesehen. Das Geraune und Geknurre des Saxofonisten auf dem Didjeribone fügt dann eine ungewöhnliche Farbe hinzu. Ein engagiertes, energiegeladenes Konzert mit dem Charakter einer Jam-Session, was prima den familiären Charakter dieses Festivals widerspiegelt.

www.jazzbaltica.de

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