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Träume werden wahr

Bantry in Südirland Träume werden wahr

Manchmal werden Träume wahr. So träumte der musikbegeisterte Farmer Francis Humphrys in den 1990er Jahren davon, in Bantry ein Kammermusik-Festival zu gründen. Nicht irgend eines – es sollte schon hochkarätig sein, wenn schon, denn schon!

Bantry 51.680892 -9.448603
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Resonanzen der Welt

Wie gemalt: Ein Blick auf Bantry.

Quelle: Jürgen Gahre

Bantry. Das im Südwesten Irlands gelegene Bantry ist ein Ort für Träumer, auch früher schon. Hier hat James II. 1689 davon geträumt, dass ihm eine französische Flotte den Thron retten könnte, und einhundert Jahre später träumte der Revolutionär Wolfe Tone davon, mit Hilfe der in der Bay of Bantry gelandeten französischen Truppen die Herrschaft der Engländer über Irland zu beenden. Es war ein kühner Traum, den er 1798 mit dem Leben bezahlen musste. Um ihn zu ehren, haben die Iren den zentralen Platz in Bantry nach ihm benannt und dort auch ein Denkmal aufgestellt, das einen stolzen jungen Mann zeigt, der mit visionärem Gesichtsausdruck auf die See schaut. Natürlich wurde er auch in diesem Jahr, als sich der erfolgreiche Aufstand der Iren gegen die Briten zum einhundertsten Male jährte, als vorausschauender Patriot geehrt.

Ob der musikbegeisterte Farmer Francis Humphrys den Blarney Stone geküsst hat, jenen Stein, der, wenn man ihn mit den Lippen berührt hat, Redegewandtheit verspricht? Er verrät es nicht. Fest steht aber, dass er mit Engelszungen auf Musiker eingeredet hat, unbedingt in diesem kleinen verschlafenen Städtchen musizieren zu müssen. Und sie kamen, das Borodin Quartett und die Geschwister Carolin und Jörg Widmann ebenso wie Tanja Becker-Bender, Paul Lewis, Mark Padmore, Adrian Brendel und viele viele andere, weltberühmte und noch nicht so berühmte. Francis Humphrys, der in Oxford Philosophie studiert hatte, dann aber unbedingt Farmer in Irland werden wollte, gibt selbst zu, dass ihm, der vollkommen unerfahren war im Musikgeschäft, der Anfang keineswegs leicht gefallen ist: „Mit Agenturen und Musikern in Kontakt zu kommen, war anfänglich geradezu furchteinflößend. Das hatte ich nie vorher getan. Ich hatte ja doch zwanzig Jahre auf einem Berg gesessen und Kühe gemolken.“

 Um aus dem Nichts etwas aufzubauen war für Francis Humphrys zweifellos eine Herkulesarbeit; er hätte sie aber wohl kaum bewältigt können, wenn die äußeren Umstände nicht mitgeholfen hätten: Das West Cork Chamber Music Festival, meist einfach nur „Bantry Festival“ genannt, findet in einem alten Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert inmitten einer spektakulär schönen Landschaft statt. Vom Bantry House schweift der Blick bei schönem Wetter weit hinaus auf die an Inseln reiche Meeresbucht bis hin zu malerischen Hügeln auf der Beara- und Mizen-Halbinsel. Diesem märchenhaften Zauber kann sich wohl kein Besucher entziehen. Selten kann man Kammermusik in so intimem Rahmen erleben wie in der geräumigen Bibliothek des Bantry House. Und wenn man ein Ticket für das Late Night Concert ergattert hat, dann kann man einem späten Beethoven Quartett, einer Schubert Klaviersonate oder dem Brahms Klarinettenquintett by candlelight lauschen. Schöner geht’s nicht!

 Das 9-tägige Festival bietet eine phantastische Fülle herrlichster Musik, von morgens bis kurz vor Mitternacht. Publikumslieblinge wie Schuberts „Forellenquintett“ oder Beethovens „Erzherzog-Trio“ stehen neben zeitgenössischer Musik und manchmal auch neben Uraufführungen junger Komponisten – eine ausgesprochen harmonische Mischung für alle, die gerne auch Neues entdecken möchten. Wie sieht ein typischer „Bantry-Tag“ aus? Er beginnt morgens um 10 Uhr. Möchte man der „Masterclass“ mit Adrian Brendel beiwohnen, oder ist der in einem Restaurant in lockerer Atmosphäre abgehaltene „Morning Talk“ mit dem Vanbrugh Quartett dann doch interessanter? Die Entscheidung fällt schwer. Schon um 11 Uhr geht es auf interessante Erkundungsfahrt in unbekannte Barockmusik: Die Mezzosopranistin Anna Reinhold stellt drei italienische Komponistinnen aus dem 17. Jahrhundert vor und kann besonders mit zwei Werken der in Venedig geborenen Barbara Strozzi punkten. Zur selben Zeit gibt es eine weitere „Masterclass“ mit dem Vanbrugh Quartett. Da bleibt gerade noch ein wenig Zeit für Lunch in einem der reizvollen Restaurants, bevor es dann mit dem Behn Quartett um 14 Uhr im „Town Concert“ weiter geht, mit Ravel und „Transience“, einer Uraufführung von Victoria Johnston. Am Nachmittag dann Klaviertrios von Beethoven und Dvorak im Bantry House.

 Da die Künstler meistens für mehrere Tage verpflichtet werden, können die Programme äußerst abwechslungsreich gestaltet werden. So hören wir im „Main Evening Concert“ nach fünf von Carolyn Sampson vorgetragenen Fauré-Liedern die von dem Geiger Lawrence Power geleiteten Festival Strings mit dem selten gespielten, düster-emotionalen „Concerto Funebre“ von Karl Amadeus Hartmann bevor dann das auf Darmsaiten spielende Chiaroscuro Quartett mit einer mitreißende Interpretation von Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ begeistert.

 Das „Late Night Concert“ um halb elf ist nicht nur eine echte Herausforderung für die Geigerin Nurit Stark und die Sopranistin Caroline Melzer sondern auch für das Publikum. In einer ebenso spannenden wie aufregenden Tour de force werden wir in György Kurtágs „Kafka-Fragmenten“ mit den psychischen Abgründen eines sich irgendwie auf Wanderschaft befindlichen Menschen konfrontiert. Es ist, wie im Programmheft treffend vermerkt ist, eine zutiefst beunruhigende „Winterreise des 20. Jahrhunderts“. Alle anderen Tage während des „Bantry-Festivals“ sind ähnlich abwechslungsreich und kontrastreich wie dieser herausgegriffene Montag (4. Juli), bieten also jedem Musikfreund eine üppige Auswahl.

 Klugerweise vermeidet man es, dem Festival einen Titel zu geben, was ja die Gestaltung des Programms in engen Grenzen halten würde. Vielmehr ist man bestrebt, gewisse Aspekte oder Komponisten von mehreren Seiten zu beleuchten. So steht in diesem Jahr Schubert im Mittelpunkt des Interesses, von den Klaviersonaten und Liedern bis hin zu diversen Kammermusikwerken. Der Fokus aber wird auch auf Unbekanntes gerichtet, wie beispielsweise auf türkische Streichquartette. Das Borusan Quartett aus Istanbul stellte Werke von Ahmed Adnan Saygun, Ulvi Cemal Erkin und Facil Say vor, die sehr „westlich“ klingen und vom Publikum mit lauten Bravorufen aufgenommen wurden.

 Schon nach kurzer Zeit wird aus den Besuchern des Festivals eine Art Fan-Gemeinde. In den urigen Pubs des kleinen Städtchens schließt man beim Guinness schnell Freundschaft, redet um Mitternacht noch über Musik, mit typisch irischer Leidenschaft und Offenheit für Argumente. Viele waren schon öfter hier und diejenigen, die zum ersten Mal hier waren, wollen wieder kommen.

 Wer sich jedoch für zeitgenössische Literatur interessiert, der kann gleich in Bantry bleiben, um beim West Cork Literary Festival die Autoren live erleben zu können. Sogar der berühmte, auch in Deutschland hochgeschätzte John Banville ist anwesend uns liest aus seinem neusten Roman „The Blue Guitar“.

 Freunde der Traditional Irish Musik kommen im August auf ihre Kosten, wenn in Bantry das 2003 gegründete Festival „Masters of Tradition“ stattfindet.

 Das nächste West Cork Chamber Music Festival findet vom 30. Juni bis 8. Juli 2017 statt: www.westcorkmusic.ie , das West Cork Literary Festival vom 17. bis 23. Juli 2016 www.westcorkliteraryfestival.ie und Masters of Tradition vom 17. bis 21. August 2016 www.westcorkmusic.ie

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