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Im Zwischenreich der Jugend

Nordische Filmtage Lübeck Im Zwischenreich der Jugend

Im Norden Islands ist das Land so leer und weit wie das Leben beengt. Die Dorfjugend trifft sich im Imbiss oder auf dem Fußballplatz, spielt Kuss-Ticker, geht Angeln oder arbeitet sich an ein paar Autowracks ab.

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Der norwegische Film „Pyromaniac“ erzählt die Geschichte vom Sohn eines Feuerwehrmannes, der erst den Wald und dann die leerstehenden Häuser in seinem Dorf anzündet, um sie dann zu löschen.

Quelle: Filmtage

Lübeck. Und die Erwachsenen treffen sich zum Scheunentanz. Aber die sind ohnehin nur Randerscheinungen in der Welt von Thor und Kristjan, den Protagonisten im Film „Herzstein“. Die beiden Freunde haben in diesem Sommer genug mit sich selbst zu tun, mit der eigenen, plötzlich fremden Körperlichkeit, den Mädchen, dem Großwerden.

 Gudmundur Arnar Gudmundssons Langfilm-Debüt gehört bei den Nordischen Filmtagen zu den Preisfavoriten, mit seiner präzisen Beobachtung, den sensiblen Hauptdarstellern und den klaren Bildern, in denen immer beides spürbar ist: Tristesse und Unbeschwertheit, Gewalt und Zuneigung Schatten und Sommerfrische. Das Dunkle, Ambivalente wird unter dem Alltag subkutan spürbar. Und zwischen Küssen, Pferdeklau und Familienstreit entwickelt sich der Film zur bewegenden Entdeckungsreise, die vom Spielplatz direkt ins eigene Ich der Protagonisten führt und in die erwachende Sexualität. Aber während Thor mit Beti das neue Spielfeld neugierig erproben, quält sich Kristjan mit seinen unklaren Gefühlen für den Freund.

 „Wenn man Teenager ist, will man nicht anders sein als die anderen“, sagt Gudmundsson und zeigt die Jugend als ein Zwischenreich, aus dem die Jungen den Ausweg erst noch finden müssen.

 Die Ambivalenz des Jungseins, die Suche nach Identität und Ausdruck beschäftigt allerdings auch andere Filmemacher in Lübeck. Simon zum Beispiel: Der ist gerade von der Schule geflogen und findet unter dem Pseudonym Anti sein Ventil als Sprayer. Stoff für rasante Schnitte und nächtliche Bilder, die der dänische Regisseur Morten BH in seinem im Hip-Hop-Rhythmus pumpenden Film sichtlich auskostet. Nicht ohne dazwischen Platz zu schaffen für die Vorstadtödnis, die Hilflosigkeit der Eltern und den brutalen Gruppendruck der Sprayergang.

 Auf beängstigende Abwege gerät die Identitätssuche in dem norwegischen Drama „Pyromaniac“. Die Geschichte von Dag, dem Sohn des Feuerwehrhauptmanns, der in seinem Dorf erst den Wald, dann leerstehende Häuser ansteckt, um sie anschließend zu löschen, hat einen wahren Ursprung. Regisseur Erik Skjoldbjerg aber konzentriert sich auf das Psychogramm des Täters und des Ortes – ein dichtes, verstörendes Wechselspiel, in dem sich Sprachlosigkeit und Verdrängung unheilvoll verbinden.

 Auch jenseits der vielschichtigen Jugenddramen geht der Blick des nordischen Films an die menschlichen Abgründe. Das dänische Kino hat den Laborstatus früherer Tage hinter sich gelassen und spürt den wunden Punkten der eigenen Geschichte nach. Da behandelt – seltsam schematisch – „Der Tag wird kommen die Demütigung“ und Brutalisierung in den Kinderheimen der Sechziger oder – ungewöhnlich und facettenreich – „Die Vögel über dem Sund“ die Rettung der dänischen Juden vor den Nazis. Und natürlich geht im skandinavischen Film traditionsgemäß nichts ohne Thriller. Während das in Norwegens Gletscherwelt angelegte Drama „Rache“ zügig im Klischee landet, zeigt der Isländer Baltasar Kormakurs „Der Eid“ in sachlichen Bildern, wie ein Chirurg zum Mörder wird. Heute Abend auf der Preisverleihung in Lübecks Theater wird sich zeigen, wer bei den Nordischen Filmtagen in diesem Jahr das Rennen macht.

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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Foto: Bei den Nordischen Filmtagen wird traditionell am vorletzten Tag der Siegerfilm bekannt gegeben.

Mit drei Auszeichnungen räumen die Norweger bei den 58. Nordischen Filmtagen kräftig ab. Der mit 12.500 Euro dotierte Hauptpreis geht jedoch an den jungen Regisseur Gudmundsson aus Island.

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