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Eindrückliches bei den Dresdner Musikfestspielen

Eindrückliches bei den Dresdner Musikfestspielen

Welchen Reichtum musikalischer Traditionen verbindet doch die Musikwelt mit dem Städtedreieck Wien - Prag - Budapest. „Diese Region ist für jeden Instrumentalisten eine Schatztruhe“, bekennt euphorisch der prominente Cellist Jan Vogler, seit 2009 auch Intendant der Dresdner Musikfestspiele. Die hatten ihrem 35. Jahrgang das klingende „Herz Europas“ als Motto auf die Fahnen geschrieben.

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Quelle: Andreas Gebert

Dresden. Dresden. Welchen Reichtum musikalischer Traditionen verbindet doch die Musikwelt mit dem Städtedreieck Wien - Prag - Budapest. „Diese Region ist für jeden Instrumentalisten eine Schatztruhe“, bekennt euphorisch der prominente Cellist Jan Vogler, seit 2009 auch Intendant der Dresdner Musikfestspiele. Die hatten ihrem 35. Jahrgang das klingende „Herz Europas“ als Motto auf die Fahnen geschrieben. Das Dreigestirn der Wiener Klassik bis hin zu Schönberg, die tschechischen Repräsentanten Smetana. Dvorák und Janacék, nicht zuletzt die Ungar Bartók, Ligeti und Kurtág waren Stützpfeiler des facettenreichen Programms. Wobei die Festspiele neben weltbekannten Klangkörpern und Solisten auch zahlreiche junge Ensembles (so das Curtis Symphony Orchestra aus Philadelphia oder das Baltic Youth Philharmonic) eingeladen hatten.

Ein Kammerorchester par excellence, das multinational zusammengesetzte Mahler Chamber Orchestra, und ein Pianist der Sonderklasse, der Norweger Leif Ove Andsnes, huldigten mit Beethovens Klavierkonzerten 1 und 3 einen der bekanntesten Wiener Musikfürsten. Wobei der Virtuose, das Orchester vom Flügel aus inspirierend, den spielfreundigen Charakter des nach den Spuren Mozarts folgenden C-Dur-Konzertes ebenso herausstellte, wie er auch den sinfonischen Duktus des späteren c-Moll-Konzertes mit seinen vehementen Fortissimo-Ausbrüchen intensiv ausformte.

Ein wahrhaft beglückendes Musizieren erlebte man, als das noch junge, doch bereits profilierte Arcos Orchestra - ein ausschließlich aus Streichern bestehendes Ensemble, das sich aus Studenten der berühmten New Yorker Juilliard School zusammensetzte - und die vortreffliche lattische Geigerin Baiba Skride zu einer Soiree einluden, Mozarts Violinkonzert G-Dur KV 216 und Schuberts Rondo A-Dur waren ihr mit klanglicher Geschliffenheit präsentierter Tribut an die Wiener Musikkultur. Doch damit nicht genug. In Béla Bartóks faszinierendem Streicherdivertimento - geradezu ein Prüfstein des Gestaltungsvermögens - vermochten die Musiker unter den tänzerischen Rhythmen immer wieder die bedrohlichen Klangvisionen hörbar zu machen. Bewegend, ja aufwühlend war aber auch ihre Lesart von Schostakowitsch’ Kammersinfonie op. 110 a - eine vom Chefdirigenten John-Edward Kelly erstellte Version des 8. Streichquartetts, das der Komponist 1960 in Dresden schrieb und „den Opfern des Faschismus und des Krieges“ widmete.

Mit großer Erwartung sah man dem Konzert der Dresdner Staatskapelle unter Christian Thielemann, dem designierten Chef des Orchesters ab Herbst 2012, entgegen. Stellt doch die gebotene monumentale Achte Anton Bruckners eine Feuerprobe für jedes Ensemble dar. „Meine Achte ist ein Mysterium“. An jenes Bekenntnis des Wiener Tonschöpfers wurde man sogleich erinnert, als Thielemann und seine Jünger im Kopfsatz das aus fahlem Klangnebel aufsteigende und sich dann trotzig aufrichtende Hauptthema spannungsvoll modellierten. Ein Klangwunder nachgerade das subtil ausgeformte Adagio, das Herzstück des Opus. Wie hier die differenziert geführten Instrumentalisten Momente von höchster klanglicher Intensität erstehen ließen, verschlug den Hörern geradezu den Atem. Schließlich der gewaltige Kuppelbau des Finales mit seinen kontrapunktischen Verflechtungen - von den Interpreten wunderbar aufgelichtet.

Zwei Raritäten tschechischer Tonkunst hatte die von Ingo Metzmacher souverän geleitete Tschechische Philharmonie im Gepäck. Leos Janáceks Tonpoem „Zárlivost“ (Eifersucht) in seiner ungemein expressiven Klangrede lag bei den Prager Musikern in besten Händen. Wenig bekannt in unseren Breiten ist auch Antonin Dvoráks Klavierkonzert g-Moll op. 33. Hinreißend, wie der noch junge, dennoch versierte Pianist Martin Stadtfeld und die Böhmen des dramatischen Gestus wie auch den poetischen Tonfall des Werkes trafen. Als krönendes Finale Arnold Schönbergs grandiose sinfonische Dichtung „Pelleas und Melisande“ - in ihrer spätromantischen Klangfarbenopulenz nuanciert ausgeleuchtet.

Einen Abend exemparlischen Quartettspiels gestaltete das junge, vielfach preisgekrönte Prager Pavel-Haas-Quartett. Von besonderem Interesse war da Pavel Haas’, des 1944 in Auschwitz ermordeten Janácek-Schülers, 1. Streichquartett cis-Moll. Überwältigend die flexible Gestaltungskraft der Instrumentalisten, mit der sie die emotionale Dichte wie auch die dynamischen Wechselbäder des Werkes ausloteten. Mit nicht geringerem Einfühlungsvermögen erschlossen sie gleichfalls Bedrich Smetanas autobiographisches Quartett „Aus meinem Leben“ und Schuberts Opus „Der Tod und das Mädchen“.

Polyphon ist die Region der Moldau- und Donauklänge. Eine gewichtige Stimme jedoch, diejenige Bohuslav Martinus, des bedeutendsten tschechischen Komponisten nach Janácek, blieb leider auch diesmal stumm. So blieb nur eine Stippvisite beim „Prager Frühling“. Hier konfrontierte der auch bei uns sehr geschätzte Jirí Belohlávek in einem Gastkonzert seines BBC Symphony Orchestra Brahms’ Violinkonzert (mit dem an Dresdens Musikhochschule wirkenden Ivan Zenatý als Solisten) mit zwei tschechischen Werken - Jirí Kaderábeks (geb. 1978) kurzweiliger Komposition „C pro orchestr“ und Martinus bedeutender 4. Sinfonie Martinus Opus, kurz vor Ende des 2. Weltkrieges in Amerika entstanden, spiegelt in ihrer glücklichen Stimmung die Freude ihres Schöpfers über die nahe Befreiung Europas vom Faschismus wider. Beeindruckend schon, wie Belohlavek im Kopfsatz das einleitende Tarzanmotiv in steter Steigerung zu einem von Schubertscher Lyrik durchdrungenen melodischen Strom formte. Geradezu suggestiv das entfesselt gestaltete Scherzo mit seinem signifikanten Fagottthema, zu dem der Dirigent als Kontrast das melodisch ausdrucksintensive Largo erstehen ließ. Förmlich mitreißend wirkte das Finale, als die Londoner das von sehnsüchtiger Leidenschaft gezeichnete Poco allegro letztlich zu strahlender Hymnik steigerten. Wahrlich ein Glücksfall die von Klangsensibilität erfüllte Nachgestaltung. Bleibt zu hoffen, dass der künftige Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie auch bei einem der nächsten Dresdner Musikfeste ein Podium für Martinu erhält.

Zurückgekehrt aus Prag, erlebte man in Dresden den Abschluss der Musikfestspiele, die heuer in rund 50 Veranstaltungen das Herz Europas schlagen ließen. Den umjubelten Schlusspunkt setzte die Filarmonica della Scala mit Daniel Harding am Pult. Zum Auftakt erklang die mit Vehemenz und weit ausschwingender Lyrik musizierte Ouvertüre zur Verdi-Oper „Die Macht des Schicksals“, der aus Reverenz vor Dresden Richard Strauss’ „Vier letzte Lieder“ folgten. Faszinierend, wie die Sopranistin Christine Schäfer die lyrischen, geradezu schwebenden Melodiebögen dezent, jedoch mit Nachdruck in das gedämpfte Leuchten des Orchesterkolorits bettete. Zum Finale noch einmal ein Blick nach Prag. Da huldigten Harding und die Mailänder emphatisch Antonín Dvorák mit einer von elegischer Poesie wie auch von böhmischem Musikantentum bestimmten Nachschöpfung seiner 8. Sinfonie. Ein würdiger Ausklang!

Dietrich Bretz

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