23 ° / 12 ° wolkig

Navigation:
Lübeck erinnert an Emanuel Geibel

Einst hochgeehrt Lübeck erinnert an Emanuel Geibel

Als Emanuel Geibel starb, trauerte ganz Lübeck. Heute kennt kaum noch einer den Dichter von „Der Mai ist gekommen“. Zu seinem 200. Geburtstag will seine Heimatstadt Lübeck das Image des Poeten aufpolieren — unter anderem mit einer Ausstellung über sein Werk.

Voriger Artikel
Wolfgang Müller und der Weltschmerz
Nächster Artikel
Getanztes Glück

Der 200. Geburtstag des Schriftstellers am 17. Oktober wird in Lübeck unter anderem mit einer Ausstellung im Buddenbrook-Haus begangen werden.

Quelle: Markus Scholz/dpa

Lübeck. Zu seinen Lebzeiten wurde Emanuel Geibel als Dichterfürst gefeiert. Heute kennt ihn kaum noch jemand, auch in seiner Heimatstadt Lübeck ist er weitgehend in Vergessenheit geraten. Für November ist allerdings eine umfassende Geibel-Ausstellung im Buddenbrookhaus geplant — die erste überhaupt in Lübeck und wohl auch bundesweit, sagt der Direktor der Kulturstiftung der Hansestadt, Hans Wißkirchen. Am 17. Oktober wäre Emanuel Geibel, der Pastorensohn aus Lübeck, 200 Jahre alt geworden.

Am 18. Oktober sind die Lübecker zu einer Geburtstagsfeier mit Kaffee, Kuchen und Vorträgen zur literaturgeschichtlichen Bedeutung Geibels eingeladen. Er soll seinen Geburtstag immer am 18. Oktober gefeiert haben, dem Gedenktag der Völkerschlacht bei Leipzig. Geibels Vater, ein Gegner der napoleonischen Vorherrschaft in Europa, soll das Geburtsdatum seines Sohnes kurzerhand auf den Siegestag Preußens und seiner Verbündeten über Napoleon im Jahr 1813 verlegt haben, sagt Geibel-Forscher Christian Volkmann. Für seine Dissertation hat er den kompletten Nachlass des Dichters durchgearbeitet. Er wird in der Lübecker Stadtbibliothek aufbewahrt.

Geibels Vater war Pastor der reformierten Gemeinde in Lübeck. Nach dem Abitur am Katharineum studierte der junge Emanuel Theologie und später klassische Philologie. Er war mit Künstlern wie Adelbert von Chamisso, Bettina von Arnim und Joseph von Eichendorff befreundet und hatte mit den Königen Wilhelm IV. von Preußen und Maximilian II. von Bayern einflussreiche Förderer. Als Geibel am 6. April 1884 in Lübeck starb, glich die Trauerfeier einem Staatsbegräbnis. Sein Grab befindet sich auf dem Lübecker Burgtorfriedhof.

Thomas Mann (1875-1955) setzte dem Dichter, den er selbst als Kind noch erlebt hatte, in seinem Roman „Buddenbrooks“ in der Figur des Poeten Jean Jaques Hoffstede ein literarisches Denkmal. In seiner Rede „Lübeck als geistige Lebensform“ berichtet Mann 1926 ein wenig spöttisch, dass nach Geibels Tod eine Lübeckerin auf der Straße gefragt habe: „Wer kriegt nu de Stell? Wer ward nu Dichter?“

Geibel war auch noch Jahre nach seinem Tod ungemein populär, wurde zeitweise sogar auf eine Stufe mit Goethe und Schiller gestellt. „Man muss seinen Aufstieg vor dem Hintergrund der politischen, gesellschaftlichen und literarisch-kulturellen Strömungen um die Mitte des 19. Jahrhunderts sehen“, sagt Volkmann, der am Lübecker Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschung die Erfolgsstrategien des jungen Geibel und die Wirkung seiner Werke erforscht. „Er setzte auf ein altmodisches Schönheitsideal und machte sich zum Bewahrer der Tradition. Heute würde man sagen, er hatte eine geschickte Marketingstrategie und bediente die Vorstellungen seiner Zielgruppe, des erstarkenden Bildungsbürgertums“, sagt Volkmann.

Viele von Geibels Gedichten, die von Spöttern als „Backfischlyrik“ abgetan wurden, sind vertont worden. Das wohl bekannteste ist „Der Mai ist gekommen“, auch der Text des Wanderliedes „Wer recht in Freuden wandern will“ stammt aus Geibels Feder. Doch er konnte auch anders. Im Krieg zwischen dem Deutschen Bund und Dänemark in den Jahren 1848-1851 dichtete Geibel: „Wir wollen keine Dänen sein, wir wollen Deutsche bleiben“ und sein 1861 entstandenes Gedicht „Deutschlands Beruf“ endet mit den Zeilen „Und es mag am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen.“ Volkmann sagt: „Vor allem seine politischen Gedichte haben dazu geführt, dass Geibel in Verruf geraten ist“, sagt Volkmann.

Als Lyriker habe Geibel sich überlebt, meint auch Wißkirchen. „Doch für die Literaturgeschichte ist er wichtiger als bislang angenommen und als Dichterpersönlichkeit des 19. Jahrhunderts zu Unrecht vergessen“, sagt er. Wißkirchen ist sich sicher: „Hätte es zu Geibels Lebzeiten den Literaturnobelpreis schon gegeben, hätte er ihn sicherlich bekommen.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3