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Fast täglich eine Premiere

Elbphilharmonie Fast täglich eine Premiere

Reihenweise internationale Orchester und Solisten – vor durchweg ausverkauftem Haus: Elf Wochen ist es her, dass der Große Saal der Elbphilharmonie eingeweiht wurde. Generalintendant Christoph Lieben-Seutter über Erfahrungen, Konsequenzen und Perspektiven.

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Rundum zufrieden: Generalintendant Christoph Lieben-Seutter vor der Elbphilharmonie

Quelle: Michael Zapf

Hamburg. Herr Lieben-Seutter, sprechen wir von Elphi oder der Elbphilharmonie?

Ich persönlich verwende den Begriff Elphi nicht, weil ich finde, dass diese Verkleinerungsform dem Gebäude nicht gut ansteht. Aber es kommt natürlich im Sprachgebrauch viel leichter über die Zunge, als dieses komplexe, vielsilbige Wort Elb-phil-har-mo-nie...

Zur Zeit scheint es so, als wäre die Elbphilharmonie auch sofort ausverkauft, wenn sich Herr Müller aus Castrop Rauxel mit Kammblasen auf die Bühne stellen würde...

Stimmt. Das ist Fluch und Segen zugleich. Es ist schon fantastisch, diese Nachfrage zu haben. Aber sie ist eben so unglaublich groß, dass bei angekündigten Vorverkaufsterminen der Unmut wächst, weil die Schlangen an den Schaltern sehr lang sind und es trotz Aufrüstung aller technischer Systeme immer wieder zu Problemen im Internet kommt. Zudem kaufen viele Leute zur Zeit irgendetwas. Dabei ist es für ein gelungenes Konzert schon notwendig, dass man mit der dargebotenen Musik etwas anfangen kann.

Wie lange wird das Gesamt- noch das Konzerterlebnis überlagern?

Ich glaube nicht, dass man von Überlagerung sprechen kann. Man kommt auch in die Elbphilharmonie, weil man so viel Aufregendes über das Gebäude gehört hat, über das architektonische Erlebnis, den Standort, die Ausblicke... Aber der Kern sind ja doch die Konzertsäle. Wir hören ganz oft, dass Gäste nach ihrem fantastischen ersten Eindruck nun öfter ins Konzert kommen wollen. Genau das wollen wir erreichen.

Wann wird im Kartenverkauf eine gewisse Normalität erreicht sein?

Ich habe bislang prognostiziert, dass in zwei Jahren, im Frühjahr 2019, das erste Mal ein Konzert nicht ausverkauft sein wird. Aber mal sehen, die Interessenswelle ist ja zum Teil erst richtig im Anrollen – wenn ich etwa auf Reiseveranstalter oder Journalisten aus der ganzen Welt blicke... Natürlich haben wir uns internationales Interesse erhofft, aber mit diesem Ausmaß hat niemand gerechnet.

Und wie bekommt Ihnen persönlich nach neun Jahren im vermeintlichen Schongang der Vollast-Betrieb der letzten Wochen?

Ganz wunderbar, dazu bin ich ja da, und da bin ich auch in meinem Element. Ich genieße es ungeheuer, praktisch jeden Abend im Konzert zu sein und auch vorher und nachher alle Details zu erleben und mit Künstlern wie mit dem Publikum im Kontakt zu stehen. Aber ich merke auch, dass mir doch einige Zeit im Büro fehlt.

Wann finden Sie zur Normalität?

Normalität im Sinne von Routine erwarte ich eigentlich erst in der nächsten Saison. Im Moment ist es ja so, dass wir quasi noch fast täglich eine Premiere haben. Mit immer neuen Aspekten: mal ist es die Orgel, mal der Chor, mal ist es halbszenisch, mal die elektronische Verstärkung... Die Anforderungen und die Abläufe sind sehr komplex. Wir merken auch, dass der Personalaufwand an einigen Stellen höher ist als erwartet. Bis wir das alles im Griff haben und die Kinderkrankheiten aus dem Gebäude sind, wird es Sommer sein.

Nutzen Sie auf dem Weg in Ihr Büro in der zehnten Etage denn noch die Tube, oder aus Zeitgründen eher effizientere Wege?

Dazu müsste ich mir ja jeweils ein Ticket holen... Tatsächlich nutze ich die Tube bewusst zumindest einmal die Woche, um alle Wege ins Haus im Blick zu haben. Alle paar Wochen nehme ich auch extra eine andere U-Bahn als üblicherweise oder einen Bus zur Elbphilharmonie, um die Anreise des Publikums nachzuvollziehen. Denn es ist mir sehr wichtig, meine Besucher zu verstehen, und wie sie das Haus erleben. So bin ich auch oft auf der Plaza zu finden.

Und wie es beim Publikum? Gibt es angesichts der außergewöhnlichen Wege Engpässe vor und nach den Konzerten?

Viel weniger als erwartet. Nach Konzertende kommt es auf der Plaza kurz zu einem Stau vor der Tube. Das versuchen wir über Alternativen zu moderieren. Es wäre im Prinzip ja möglich, beide Fahrspuren für einen schnelleren Abfluss nach unten zu schalten. Andererseits wollen gleichzeitig wieder Leute von unten auf die Plaza... Es ist ein sehr komplexes Gebäude, da gibt es viele Themen, die man laufend beobachten muss, um weiter zu optimieren.

Und es gibt auch konkret ein paar wunde Punkte mit Nachbesserungsbedarf: Mit den Treppen hatte mancher Besucher seine Probleme.

Ja, speziell wenn man die Treppen in den Foyers heruntergeht, kann es bei bestimmten Lichtverhältnissen sein, dass man die Stufenkanten nicht so genau sehen kann. Da kommt jetzt an jede Treppenstufe eine fühlbare schwarze Gummileiste. Auch im Saal gibt es einige Stellen, wo das Publikum verunsichert wird, es auch schon zu Stürzen kam. Die Saalgeometrie ist natürlich herausfordernd – zunächst, weil er sehr steil ist, um von allen Plätzen eine gute Sicht und Nähe zu gewährleisten. Dadurch gibt es viele Treppen. Wobei die meisten Fehltritte eher in flacheren Bereichen passieren, wo unvermutete Stufen auftreten. Wir haben auch schon Geländer nachgerüstet.

Es wird auch über zu wenig Toiletten geklagt, über Orientierungsprobleme auf den unterschiedlichen Ebenen....

Es gibt eindeutig mehr Damentoiletten als behördlich verlangt, es liegt eher an deren Verteilung im Gebäude, das wollen wir durch zusätzliche Beschilderung und Hinweise verbessern. Was die Orientierung betrifft, so ist es einerseits ganz einfach, die Elbphilharmonie zu verstehen, weil der Große Saal in der Mitte dieses Glaskörpers hängt und man über vier Stockwerke um ihn herumlaufen kann. Aber ein Teil des Erlebnisses ist natürlich auch, dass die Architektur entdeckt werden will, eben nicht nur die reine Funktionalität im Vordergrund steht. Das ist eine eigene, spannende, dreidimensionale Landschaft mit Sichtbeziehungen über bis zu acht Stockwerke, mit fantastischen Ausblicken... Die Leute kommen, Gott sei dank, frühzeitig, auch die befürchteten Verkehrsprobleme sind kein Thema. Selbst das anfangs als zu klein kritisierte Parkhaus ist fast nie voll ausgelastet...

Widmen wir uns dem Konzertsaal: alle Vielseitigkeitsprüfungen bestanden?

Mehr oder weniger, wir hatten schon ein großes Sortiment an unterschiedlichen Besetzungsgrößen, Orchestern, Chor Solokonzerte, Kammermusik, auch Jazz und Rockmusik und sind mit dem Saal sehr glücklich. Es ist eindeutig einer der spannendsten Säle weltweit. Man hört unglaublich genau, was auf der Bühne passiert. Gute Musiker genießen diese Sensibilität, aber es wird den Musikern auch nichts geschenkt: Ein Mittelklasseorchester ist auch als solches erkennbar.

Wie lautet ihre akustische Charakterisierung?

Sehr räumlich, analytisch, durchhörbar. Man kann jedes Geräusch genau zuordnen – ein unglaublich präsenter Saal, wo man gewissermaßen dreidimensional hört. Ein sehr flexibler Saal für spannende Raumerlebnisse. Wir haben schon gelernt, dass es besser ist, wenn Gesangssolisten nicht direkt an der Rampe stehen, sondern in der Saalmitte hinter dem Orchester, wo sie dadurch einen viel größeren Bereich des Weinberg-Saales abdecken und auch besser nach oben projiziert werden. Der Saal spielt nach oben – auf den billigen Plätzen ist der Klang am besten.

(Wo) muss Toyota nacharbeiten?

Er ist ganz happy und sieht keinen Grund, den Saal nachzuarbeiten. Es geht ihm mehr um das Setup auf der Bühne, um die Aufstellung des Orchesters. Dazu kommt, sagt man, sagt Toyota, dass so ein Gebäude noch arbeitet. Es dauert einige Monate, er spricht von zwei Jahren, bis die Schrauben der Bühnenkonstruktion sich festgefressen haben, die ganze Konstruktion zusammengewachsen ist und noch mehr resoniert. Eine Herausforderung ist noch die elektroakustische Verstärkung bei Pop- und Jazzkonzerten. Auch wenn der Saal wohl zu 80 bis 85 Prozent klassisch bespielt wird, wollen wir auch da Optimales erreichen. Anspruch und Erwartungshaltung sind in jeder Hinsicht immens.

Mal ehrlich: Wo sitzen Sie am liebsten - wo hört man am besten?

Ich wechsle gerne den Platz. Optimal ist es frontal zur Bühne nicht allzu weit unten, Bereich M oder K, zwei Stockwerke über der Bühne. Aber auch hinten hoch oben über der Bühne, auf unserem Olymp, ist es sehr spannend. Man merkt, wie da der Klang zusammenwächst.

Derzeit gibt es ein Stelldichein internationaler Stars und Orchester. Ist das so durchzuhalten?

Im Prinzip ja. Das Programm wird in Zukunft nicht ganz so dicht sein wie in den ersten Monaten, aber das Niveau ist leicht durchzuhalten, weil die Orchester, die noch nicht da waren, alle kommen wollen und die Orchester, die schon da waren, gleich wieder kommen wollen. Ich erlebe große Dirigenten, die total beleidigt sind, weil sie in den ersten Monaten nicht dabei waren...

Wie sieht es mit der Programmatik auf längere Sicht aus – wie lautet Ihr Leitlinie?

Die Flughöhe bleibt, höchste Qualität ist der Anspruch. Ich glaube aber, dass wir noch spannender werden in der Programmierung, also in der Auswahl. Der Saal verlangt nach der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts und das Publikum ist bereit dafür. Gleichzeitig geht es darum, auch jenseits der klassischen Musik immer neue spannende Themen zu finden und Zusammenhänge aufzuzeigen.

Wie grenzen Sie das Profil der Elbphilharmonie gegenüber der Laeiszhalle ab?

Da gibt es nicht viel abzugrenzen. Auch die Auslastung die klassischen Konzerte in der Laeiszhalle ist sehr viel besser als früher, aber es gibt wenigstens noch Karten für die meisten Konzerte. Die Laeiszhalle ist auch viel besser gebucht, als erwartet. Unter anderem von Chören und Orchestern, die vorher gar nicht zum Zuge gekommen sind.

Alles blickt auf die Elbphilharmonie – in und außerhalb von Hamburg. Ist Hamburg nun endgültig auf dem Weg zur Kulturstadt?

Ich hoffe es. Es ist eine einmalige Chance für Hamburg, die die Befürworter der Elbphilharmonie schon immer vorausgesagt haben. Dass der sprichwörtliche Taxifahrer zum Akustikexperten geworden ist und mit dir über das Angebot der Elbphilharmonie spricht – das haben wir nicht zu träumen gewagt. Aber eine Kulturstadt lebt nicht von einem Haus allein. Es braucht Kreativität auf allen Ebenen, die Leuchtturmprojekte wie auch den Humus, wo alles wächst und gedeiht. Und da ist schon noch einiges zu tun.

Kiel hat auch einen schönen Konzertsaal – der nur leider derzeit gar nicht glänzt...

Das Schloss, ja, ich war ein paar Mal da. Wenn man investiert und damit zeigt, dass einem kulturelle Inhalte wichtig sind, hat das eine Signalwirkung auch an das Publikum. 24 Millionen Euro sind einerseits viel Geld – andererseits, wenn man sich ansieht, was die öffentliche Verwaltung für andere Bereiche aufwendet, etwa gerade in Milliarden zur Bankenrettung versenkt... Die Elbphilharmonie kann da weit über Hamburg hinaus das Bewusstsein schärfen. Es ist ein guter Zeitpunkt, darauf zu kommen, dass Kultur vielleicht doch eine wichtige Rolle in unserer Gesellschaft spielt und Werte zu verteidigen sind. Das lässt solche Vorhaben auch in Kiel in der Prioritätenliste aufsteigen.

Und weiter geht's mit New York Stories

Das Doppelgastspiel der New Yorker Philharmoniker, die dieser Tage auf 175 Jahre Tradition zurückblicken, ist am 3./4. April ein weiterer Höhepunkt im Großen Saal der Elbphilharmonie. In den ersten elf Wochen wurde dieser Saal mit 2100 Plätzen bis zu viermal an einem Tag bespielt – vor allem natürlich durch sein Residenz-, das NDR-Elbphilharmonie-Orchester (das am 6./7.4. unter Christoph Eschenbach erneut musiziert). Die Gäste aus den USA unter Leitung von Alan Gilbert sind eingebunden in das Festival „New York Stories“, das auf anspruchsvolle programmatische Zyklen wie „Viva Beethoven“ oder „Salam Syria“ folgt. Gidon Kremer, Helen Grimaud und Daniel Barenboim sind große Namen im April, aber auch Mariza und Chick Corea. Alle Konzerte sind ausverkauft – genauso wie die neun Konzerte des SHMF im Juli/August.

Von innen und außen attraktiv und international beachtet: Die Elbphilharmonie in Hamburg.

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Ein Artikel von
Konrad Bockemühl
Ressortleiter Kulturredaktion

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