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Abgehoben und doch so nah

Elbphilharmonie Hamburg Abgehoben und doch so nah

Mit Superlativen wurde am Freitag nicht gespart, als knapp zwei Monate vor dem „Grand Opening“ des Konzertsaales und fast zehn Jahre nach Grundsteinlegung am Freitag die Plaza der Hamburger Elbphilharmonie eröffnet wurde.

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Die Plaza der Elbphilharmonie mit Treppenaufgang zum Großen Saal (re.) und gebogenen „Glasvorhängen“ zum Außen-Rundgang in 37 Metern Höhe.

Quelle: Christian Charisius/dpa

Hamburg. Die Superlative scheinen nicht übertrieben – selbst wenn das eigentliche Klangerlebnis noch aussteht. Hamburg hat mehr als nur eine neue Silhouette gewonnen. Die Stadt hat schließlich auch 789 Millionen Euro dafür bezahlt – zehnmal mehr, als ursprünglich veranschlagt.

Umso wichtiger, dass dieser neue, spektakuläre Ort im Hafen ein demokratischer, ein Ort für alle ist. Architekt Jacques Herzog (Basel) will am Freitag schon gespürt haben, „dass die Hamburger das Gebäude lieben und als einen Teil ihrer Stadt annehmen“. Nur so könne seine Architektur schließlich nachhaltig sein. Abgehoben und doch nah soll sich also der luftig geschwungene Glasaufbau auf dem wuchtigen 60er-Jahre-Backsteinsockel des früheren Kaispeichers A geben. Und dieses Prinzip war auch das Leitmotiv für den eigentlichen Kern der multifunktionalen „kleinen Stadt ins sich selbst“, wie es Architekt Pierre de Meuron umschreibt: den Konzertsaal. Keiner der bis zu 2100 Zuhörer im Großen Saal sitzt weiter als 30 Meter vom Dirigenten entfernt. Das aus der Berliner Philharmonie bekannte, hier noch weiter in die Vertikale verdichtete Weinberg-Prinzip um eine mittige Bühne steht für intensive Hörerlebnisse – wie vielfach betont wurde, nicht nur klassischer Musik. Und die schwungvollen Formen auch in diesem Saal führen dazu, dass einige Sitze sogar über ausgleichende Extra-Breite verfügen. Ohne Mehrpreis: Insider werden es später zu schätzen wissen.

Beeindruckend, der neue #Konzertsaal in der fertiggestellten #Elbphilharmonie in #Hamburg. bkm

Ein von Kieler Nachrichten (@kieler.nachrichten) gepostetes Video am


Dass für die von Yasuhiro Toyota berechnete Akustik beste Voraussetzungen geschaffen wurden, spiegelt sich unterhalb des großen Reflektors auch in der „Weißen Haut“ aus 10.000 individuell modelliertem Gipsfaserplatten wider. Auch die große, von einem Privatmann gespendet Klais-Orgel (69 Register, 4765 Pfeifen) fügt sich organisch in diese helle Wandlandschaft ein. Organisch wie vieles hier. Das ergibt eine eine Art „Dauerwelle“ von der 110 bis 78 Meter hohen Dachlandschaft bis zur Auffahrt des Parkhauses im ehemaligen Kaispeichersockel.

Wer zu Fuß kommt, fährt über eine 80 Meter lange, gewölbte Rolltreppe, die Tube, durch eine Betonröhre zunächst ins Ungewisse, gelangt dann zum ersten grandiosen Panoramablick elbabwärts auf Hamburgs Hafenkulisse und nach einer weiteren Wendung auf die Plaza, die Aussichtsplattform mit einem Außen-Rundumlauf in 37 Metern Höhe. Nach dem eher schnöden Zugang von ganz unten ist dieser annähernd 6000 Quadratmeter große, öffentlich zugängliche Bereich das eigentliche Entrée. Es erschließt nicht nur den großen und kleinen, variablen Konzertsaal mit rund 500 Plätzen samt großzügigen Foyers und immer wieder Ausblick auf Stadt und Hafen. Es führt auch zum Luxushotel The Westin mit 244 Zimmern hinter der atemberaubend bewegten Glasfassade aus 2200 Scheiben, zu 45 Luxuswohnungen und ein wenig Gastronomie. Auf der frisch durchlüfteten Plaza, natürlich über Aufzüge auch barrierefrei erreichbar, war bereits 2012 ein erstes Baustellen-Wandelkonzert mit Brahms’ Requiem zu hören. Über dem Backsteinboden dominiert jetzt helles Holz, führen kühn geschwungene Treppen hin zum eigentlichen Kern des Ganzen, dem aus Schallschutzgründen aufwendig abgefederten Konzertsaal mit seinen bis in schwindelnde Höhen über die Ränge fließenden Übergängen.

Am Freitag wurde die Plaza der Elbphilharmonie in Hamburg offiziell eröffnet.

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Am 11./12. Januar wird er eröffnet. Kaum mag man bezweifeln, dass auch die Akustik betören wird. NDR-Elbphilharmoniker sollen bereits vor Glück geweint haben bei ihrem Debüt mit Brahms’ 1. Intendant Christoph Lieben-Seutter formulierte es gestern so: „Wenn er auch nur halb so gut klingt, wie er aussieht“, dann dürfte er in seiner Einmaligkeit wirklich in die Top Ten der Konzertsäle der Welt vordringen. Und genau das dürfte die „Elphi“ dann von der baulich ähnlich markanten Sydney Opera des Dänen Jørn Utzon unterscheiden.

Über zehn Jahre war der letztlich schon 2001 von dem Hamburger Projektentwickler Alexander Gérard initiierte Bau mit Hoffnungen und Sehnsüchten verbunden, weiß der 1. Bürgermeister Olaf Scholz nur zu gut. Sie sind erfüllt. Die Senatsentscheidung des Jahres 2005, die Elbphilharmonie zu errichten, „war richtig“, stellte er gestern klar. Man hätte allerdings auch 100 bis 200 Millionen Euro sparen können, hätte man erst in Ruhe geplant und dann gebaut. Die neue Landmarke an der Kaiserhöft wird die unrühmliche Baugeschichte absehbar schnell vergessen lassen. Die Kaufmannstadt Hamburg hat in den letzten Jahren als Kulturstadt gewaltig zugelegt. Die Elbphilharmonie ist dafür ein weithin ausstrahlendes Symbol. Ein neues Tor nicht nur zur Musik-Welt.

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Ein Artikel von
Konrad Bockemühl
Ressortleiter Kulturredaktion

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Elbphilharmonie-Plaza
Die Plaza der Elbphilharmonie in Hamburg bietet in 27 Metern Höhe einen 360-Grad-Blick über die Hansestadt.

Die eigentliche Eröffnung der neuen Elbphilharmonie, im Volksmund Elphi, in Hamburg ist erst am 11. Januar 2017. Doch auch die Eröffnung der Plaza, der öffentlich zugänglichen Aussichtsplattform, bot bereits ein optisches Ausnahme-Erlebnis.

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