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Warten auf die Engländer

Werftpark-Theater in der Howaldt-Gießerei Warten auf die Engländer

"Endlich Seeschlacht!": Richard Stumpf und Carl Richard Linke berichteten in ihren Tagebüchern aus dem Ersten Weltkrieg – von Kriegslust und -treiberei, von Bordalltag und Kampfeinsatz. Und die alte Howaldt-Gießerei ist mit ihren rohen Wänden und den patinierten Gerätschaften der atmosphärisch richtige Ort für die szenische Lesung, die Regisseurin Anne Spaeter am Werftpark-Theater mit den Schauspielern Eirik Behrendt und Tom Keller erarbeitet hat.

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Mit minimalen Mitteln: Tom Keller (li.) und Eirik Behrendt im Einsatz in der Alten Gießerei in Dietrichsdorf.

Quelle: Struck

Kiel. Die letzte Premiere der Ära Norbert Aust übrigens – da kam schon vor dem Abschied etwas Wehmut auf. Endlich, endlich, endlich Seeschlacht! Dieser Stoßseufzer mag manchem der Soldaten tatsächlich Erlösung gewesen sein, als es für die kaiserliche Marine am 31. Mai 1916 losgeht Richtung Norden, nach 22 Monaten Warten.

Es geht los mit markigen Sätzen, von Kerlen aus Eisen für Deutschland, von patriotischer Pflicht und so fort. Da stehen die beiden Marinesoldaten vom Zerstörer „SMS Helgoland“ noch stramm. Richard Stumpf ernsthaft befeuert vom grassierenden Patriotismus, Carl Richard Linke frustriert, weil der Kriegsausbruch die bevorstehende Entlassung ins Ungewisse verzögert. 22 Monate, in denen spekuliert und das Essen langsam knapper wird. In denen die Kleiderkammer wegen Wollmangel keinen Ersatz mehr liefert und sinnleerer Drill die Kluft zwischen Offiziersmesse und der Mannschaft in der Back nur vergrößert. Zwischendurch Kanalfahrten von Wilhelmshaven nach Kiel und zurück, mit fünf Seemeilen Fahrt pro Stunde, während vom Ufer die anfeuernden Rufe von Beobachtern schallen – darüber muss selbst der anfänglich so glühende Richard Stumpf zynisch werden.

 Anne Spaeter konzentriert in ihrer Lesung die Phase von den letzten Friedenstagen im Juli 1914 bis zu den Tagen nach der Skagerrakschlacht im Juni 1916, als das einstige, schwer angeschlagene Vorzeigeschiff „Lützow“ mitsamt der noch darin eingeschlossenen Überlebenden gesprengt wird. Sie lotet die Stimmungen aus und verdichtet die Texte zum Destillat, irgendwo zwischen Collage, Selbstgespräch und Dialog. Und das bleibt trotz der Verknappung des historischen Hintergrunds nachvollziehbar. Mit minimalen Mitteln bringen Eirik Behrendt und Tom Keller ihre Figuren zum Leben: Behrendt der nachdenkliche Grübler Linke, Keller der Draufgänger Stumpf. Sie nölen und erzählen, trinken an gegen die Monotonie des Alltags und die Willkür der Offiziere, zerdehnen die Zeit beim Schuhewichsen oder lassen das heimatliebende Muss i denn … in einem kakophonischen Ausbruch enden. Die Langeweile, wenn man an der Reling steht und „sich von den Möwen bekacken lässt“, wird da ebenso spürbar wie die Enttäuschung, dass es wieder nicht losgeht oder die Hitze vor der Schlacht. Es ist ein anderer Krieg, den die Marine erlebt, während in Verdun Abertausende fallen. Das spürt man auch. „Wir sitzen an Deck und warten auf die Engländer“ – das ist so ein Satz, in dem sich das kaiserliche Prestigeobjekt als reine Absurdität entlarvt.

 Dazu basteln die Schauspieler ihre eigene Soundcollage. Aus dumpfem Trommelschlag und Geschabe wird im Loop gleichförmiges Motorengeräusch; aus rasselndem Blech und wild stampfender Pauke ein veritables Schlachtgewitter. Ein Abend jenseits aller Betroffenheit, der mehr erzählt als die Geschichte einer Seeschlacht.

www.theater-kiel.de

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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