23 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Mit den Augen des Illustrators

Jüdisches Museum Rendsburg Mit den Augen des Illustrators

Mit der Sonderausstellung "Schindlers Liste" zeigt das Jüdische Museum Rendsburg deutsche Geschichte aus einer individuellen künstlerischen Perspektive. Zu sehen sind Illustrationen von Erhard Göttlicher.

Voriger Artikel
Die Gesellschaft, wie sie jetzt gerade ist
Nächster Artikel
Festivalstart in Hamburg mit Beate-Zschäpe-Quizshow

Erhard Göttlicher - Schindlers Liste - Carsten Fleischhauer

Quelle: Foto: Marco Ehrhardt

Rendsburg. Rendsburg. Der „Stern“ hatte die deutsche Übersetzung des Romans Schindlers Liste des australischen Autors Thomas Keneally 1982 in Auszügen als Vorabdruck veröffentlicht. Wie anders sie waren, diese Magazin-Zeiten, wird klar, wenn man erfährt, dass die Hamburger Redaktion mit Erhard Göttlicher einen Künstler beauftragte, die Romanfolgen mit Illustrationen zu versehen.

 Göttlicher, damals 36 Jahre alt und frisch berufener Professor an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaft, setzte 15 Schlüsselszenen des Romans in der ihm eigenen realistischen Handschrift um. Über 30 Jahre nach Erscheinen des Romans und dem zehn Jahre später folgenden Filmerfolg von Steven Spielberg sind für Carsten Fleischhauer als Leiter des Jüdischen Museums Anlass genug, eben diese großformatige Bilderfolge im Original zu zeigen und sie noch um sehenswerte Blätter zu Ödön von Horvaths Volksstücken zu ergänzen. Gestern Abend wurde die Ausstellung in Anwesenheit des in Uetersen lebenden Künstlers eröffnet, der seit 1991 den Norddeutschen Realisten angehört.

 Nach der in Deutschland kontrovers diskutierten Verfilmung stand der Roman bald im Schatten des Spielberg-Dramas. Heute, sagt Carsten Fleischhauer, wissen Jugendliche kaum noch etwas von der Geschichte des deutschen Fabrikanten, der von den Nationalsozialisten wohl gelitten war und annähernd 1200 Juden vor dem Tod rettete. Nur einer von zehn Jugendlichen, die Fleischhauer kürzlich nach dem Namen Schindler fragte, kannte den Film, immerhin drei oder vier hatten ungefähre Kenntnis von den historischen Fakten. Gute Argumente für diese Ausstellung, so Fleischhauer, „denn Jugendliche und Schüler sind unsere wichtige Zielgruppe“.

 Für den „Stern“, damals gebeutelt vom Flop der gefälschten Hitler-Tagebücher, wurde der Vorabdruck auf Anhieb ein Erfolg. Göttlichers Illustrationen werden ihren Teil dazu beigetragen haben. Denn für seine Umsetzung recherchierte er intensiv. Nutzte Foto-Archive und nahm Kontakt zu Zeitzeugen auf. Ein wichtiger war Mietek Pemper, jener deutsch-polnische Häftling im Konzentrationslager Plaszow, der als Stenograf des Lagerkommandanten Amon Göth Einblick in geheime Unterlagen der SS hatte, die er Oskar Schindler zukommen ließ. Eine Zeichnung in großem Format zeigt die Figur des besagten Lagerkommandanten als Rückenfigur. Breit und stiernackig in vereinnahmender Verbrüderung legt er Schindler den Arm auf die Schulter. Durch weitgehenden Verzicht auf Farbe und die lockere, sichtlich freie Strichführung stellt Göttlicher zwar die nötige historische Distanz zum Geschehen her, aber als Vollblutkünstler kann und will er nicht aus seiner Haut. So rückt er an anderer Stelle das am Boden liegende Opfer perspektivisch nah heran und lässt den Betrachter nicht im Unklaren darüber, wer Freund und Feind ist. Signalrot leuchtet die NS-Parteibinde am Arm des Lagerkommandanten. Das ist Realismus, der Emotionen wecken will und die Romanvorlage eben auf seine Weise spiegelt.

 Heute indes sind solche künstlerischen Näherungen an den Holocaust kaum mehr mit Tabus belegt, geht es doch darum, überhaupt die verblassende Erinnerung an das Grauen wachzuhalten – mit Jerzy Gross starb 2014 der letzte Schindler-Jude. Auf die Frage, wie man sich künstlerisch mit dem Holocaust befassen kann, könnte das anberaumte Streitgespräch Antwort geben. Sie ist heute so berechtigt wie gestern.

www.jmrd.de

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3