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„Nostalgie für die Zukunft“

Erik Cohen „Nostalgie für die Zukunft“

Erik Cohen, als Frontmann Jack Letten der Kieler Punkband Smoke Blow bekannt, versieht die Deutschrockszene auch auf dem zweiten Album „Weisses Rauschen“ mit einem düster-poppigen Anstrich. Der Orange Club in der Traum GmbH war sehr gut gefüllt, als Erik Cohen mit „Schattenland“ seinen Midtempo-Trip starteten.

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 Erik Cohen trat vor vollem Haus im Orange-Club auf

Quelle: Michael Kaniecki

Kiel. Und der führt die Band vornehmlich in die 80er. Schon das Intro-Gitarrenpicking erinnert vor allem im Sound an Bryan Adams` “Run To You“.

„An diesem Ort, der die Sehnsucht killt, ist die Liebe ein Abziehbild“, mit solchen Zeilen aus der verrauchten Textwerkstatt fühlt sich der Kieler Cohen am wohlsten. Schwer groovt „Kapitän“ in ähnlichem Tempo, ein sehnsuchtsvoller Song, der trotz des entspannten Rhythmus ordentlich Druck auf dem Kessel hat.

An Bass und Schlagzeug finden sich mit Greif und Fab(rizio) zwei Smoke-Blow-Kollegen, die Gitarrenarbeit verrichtet Späthi (Ex-Bonehouse) mittlerweile allein. Und das richtig gut, die Halbakustikgitarre klingt immer satt und voluminös, ob im effektbeladenen Sound à la The Chameleons oder dreckig-rockig im Stile von The Cult („Totenspinnengeist“) weckt Späthi stete 80er-Assoziationen. Der Pop-Effekt kommt vom variabel-geschmeidigen Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug, in dem sich auch Shuffle- und  Discorhythmus wiederfinden. Die Neue Deutsche Welle gehört da natürlich auch ins Programm und wird explizit in Joachim Witts „Goldener Reiter“ (“Der bringt einfach Laune und Bock“) gewürdigt. Cohen legt sich wie gewohnt mit tief hallender Stimme im Stile Glen Danzigs ins Zeug und in Rock-Pose alter Hardcore-Schule.

Die Show ist zwar sauber durchgetaktet, aber Cohens Punk-Attitüde bricht doch immer wieder durch, manches wirkt immer noch unberechenbar und die Bewegungen sind ungelenk. Viele „Yeah, Yeahs“ und Singalongs schaukeln in parodistischer Verehrung.  Ein schöne Wave-Ballade ist „Neues Blut“, in unwiderstehlich melancholischer Schönheit strahlt „Deine Dämonen (sind ein Teil von mir)“. Höchst landstraßentauglich rollt „Das gute Gefühl“ dahin und „Chrom“ vom ersten Longplayer „Nostalgie für die Zukunft“ ist eh schon eine sichere Bank, ein „Hitrock“-Motor mit 80er-Getriebe.

Betrüblich ist, dass die eigentliche Show bereits nach einer Stunde endet. Cohen und Band spielen daher einige Songs, darunter auch die neue „Hier ist nicht Hollywood“, noch einmal. Bei zwei Alben und einer EP sollte mehr Live-Material vorhanden sein, auch wenn sich vielleicht nicht alles mit nur einer Gitarre umsetzen lässt. Dennoch, das bunt gemischte Publikum war während der ganzen Show in Bewegung, Körper wogen, Köpfe nickten, die Band groovt und hat mit diesem Deutschrock in englisch-amerikanischen Soundgewand durchaus ein Alleinstellungsmerkmal. Und beim nächsten Mal dreht der Mischer vielleicht auch den Regler früher runter, bevor der ausklingende Delay-Effekt alle in den Wahnsinn getrieben hat.

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