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Das Tönen der Raumklangschwaden

Chiffren Das Tönen der Raumklangschwaden

Die Kieler Tage für Neue Musik 2016, als sechste Chiffren-Biennale in zehn Jahren, sind vom unermüdlich aktiven Inspirator Friedrich Wedell spannend eröffnet worden und finden weiter Anklang bei der Landesregierung und der Stadt, wie Kultur-Staatssekretär Eberhard Schmidt-Elsaeßer und Stadtpräsident-Stellvertreter Robert Vollborn betonen. Erstes Highlight: Die flüsternd "hyperrealen" Songs des eigens angereisten dänischen Komponisten Christian Winther Christensen.

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Gunnhildur Einarsdóttir (Harfe), Kristjana Vilhjámsson (Flöte) und Ingólfur Vilhjálmsson vom Ensemble Adapter.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Falls Pilze, Schwämme oder Edelschimmel eine Stimme haben, könnten sie so klingen wie die famosen Four Hyperrealistic Songs for Quintet, die der dänische Komponist Christian Winther Christensen 2014/15 für Flöte, Klarinette, Klavier, Harfe, Violoncello und Live-Elektronik in seinem Klanglabor gezüchtet hat. Er lässt, faszinierend präzise vom finnischen Defunensemble hingehaucht, rhythmische und melodische Splitter tonaler historischer Musikformeln durchschimmern, überzieht sie aber bis zur Unkenntlichkeit mit einer mikroskopisch feinen Schicht aus tönenden Flimmerhärchen.

 Man staunt, wie historisch, ja sogar ein wenig gestrig Jo Kondos An Insular Style im Vergleich mit Christensens flüsternden Ton-Trüffeln klingen kann. Das „gewestete“ japanische Werk von 1980 war schon einmal, auf Initiative von Hauke Harders „Gesellschaft für akustische Lebenshilfe“ in Kiel zu hören gewesen. Obwohl das Ensemble Adapter des ehemaligen Kieler Schlagzeugers Matthias Engler heute maximal schön und authentisch einstudiert durch den Komponisten spielt, wird das damals aufregender gewirkt haben. Auch Lars Skoglunds Canto Elettrico von 2015 wirkt mit seinen smoothig jazzigen und weltmusikalischen Anklängen ein wenig harmlos, zumal die Elektronik mit ihren Geräuschwellen fliegender Drohnen dazu eher aufgesetzt als interaktiv einflussreich klingt. Da ist das elektronische Spiel mit sich selbst durch den Cellisten Markus Hohti in Kaija Saariahos 25 Jahre älteren Petals aufregender. Und sind die amorph wabernden, nirgends fassbaren Raumklangschwaden von Kimmo Kuokkala in der Deutschen Erstaufführung des ganz neuen Oktetts Avaruusrauniot (Space Ruins) für zwei Bassflöten, zwei Bassklarinetten, präparierte Harfe, Violoncello, präpariertes Klavier, bogengestrichenes Schlagzeug und Elektronik geheimnisvoller.

 Dass sich letztlich nicht genügend Abenteuerlustige auf solch Unerhörtes einlassen, die Halle 400 zur Eröffnung nur mäßig gut besucht ist, ist die Szene des begonnenen 21. Jahrhunderts gewöhnt. Allerdings wird so mancher wirklich etwas verpassen, wenn er sich auch die von Simon Steen-Andersen Inszenierte Nacht mit dem Ensemble Ascolta am Sonnabend (Beginn 20 Uhr, Einführung um 19 Uhr) und die jungen Musiktalente am Sonntagvormittag (11 Uhr) entgehen lässt.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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