16 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Pirouetten rund um Tschaikowsky

Eröffnung des SHMF Pirouetten rund um Tschaikowsky

Ein in vielfacher Hinsicht außergewöhnlicher Start in die Festivalsaison: Chefdirigent Thomas Hengelbrock nimmt zum traditionellen Eröffnungskonzert des NDR Sinfonieorchesters Hamburg zwar das Schwerpunkt-Thema Tschaikowsky auf, meidet zugleich aber jede Note des berühmten Russen.

Voriger Artikel
Ein Abend zum Staunen und Träumen
Nächster Artikel
Schleswig-Holstein Musik Festival offiziell eröffnet

Chefdirigent Thomas Hengelbrock.

Quelle: nick

Lübeck. SHMF-Intendant Christian Kuhnt trägt deshalb den Peter Ilijtsch als Pappkameraden zum offiziellen Start vor sich her – ein digital großgezogenes Foto zeigt den Komponisten bei seinem Lübecker Aufenthalt im Jahr 1888 – mit Gummistiefeln ...

Wirklich gefehlt hat der Gedenkjahrjubilar sowieso nicht, denn einem musikwissenschaftlichen Symposium über ihn folgt auf der anderen Seite der Trave die Huldigung an Tschaikowskys Gott Mozart und eine partiell erstaunliche Annäherung in der Zweiten Symphonie des deutschen Antipoden Johannes Brahms.

Im Vorkonzert am Sonnabend denkt man in der ausverkauften Lübecker Musikhalle gelegentlich an Tschaikowskys Glanz und Gloria, wenn Hengelbrock die D-Dur-Symphonie glitzern und leuchten lässt. Besonders der „graziöse“ Tanzsatz und das hochfliegend euphorische Finale scheinen hier auf Spitzenschuhen Pirouetten zu drehen.

Mag ja sein, dass Hengelbrock nicht ganz die bohrende Brahms-Energie und den Legato-Sog eines Thielemann oder Carlos Kleiber erreicht oder in den Fußstapfen eines Günter Wand die knorrige norddeutsche Strenge des Meisters vermissen lässt – wie genau er aber den sprechenden Artikulationsanweisungen in der Partitur folgt, wie er mit den am Ende auffällig dankbar reagierenden NDR-Musikern atmet, sie frei pulsierend aufspielen lässt, ist frappierend und stimmig sonnig. Die steten Tempi sind durchweg rasch gewählt, das Klangspektrum in altdeutscher Formation und mit weit nach vorn gezogenen Holzbläsern reich aufgefächert. Womöglich wäre sogar der Brahms-Nörgler Tschaikowsky so begeistert davon wie das Publikum.

Vor der Pause: Mozart. Hengelbrock lädt dessen Ouvertüre zur Oper La Clemenza di Tito kernig dramatisch mit nachbarocker Hochspannung auf. Die NDR-Musiker sind auf dem besten Weg, auch hier stilistische Reinheit walten zu lassen. Nur noch vereinzelt schleicht sich ein Vibrato ein, zunehmend sieht man Klassikbögen.

Am Klavier mischt da bereits der feine Pianist Piotr Anderszewski mit, als habe er sich als Reinkarnation des Salzburger Meisters an den Tasten hinzugeschlichen. Während der Dirigent den packenden Theaterimpuls dann unmittelbar ins c-Moll des Klavierkonzerts KV 491 überträgt, schaltet der polnische Gaststar auf deutlich weicher gezeichnete Kontrastbilder um. Mit Eleganz und lyrischer Empfindsamkeit à la Chopin nutzt Anderszewski jede Gelegenheit zum Flüstern, auch auf die Gefahr hin, dass seinen Melodietönen der Kern abhanden kommt, weil die Steinway-Saiten nicht mehr angeschlagen, sondern nur noch vom weichen Hammerkopffilz touchiert werden. Doch es gibt auch Momente, wo sich Dirigent, Solist und das Orchester gegenseitig inspirierend anfeuern. Viel Beifall und eine maximal innige gemeinsame Zugabe aus dem weiten Mozart-Kosmos.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

Mehr zum Artikel
SHMF 2015
Foto: Das Schleswig-Holstein Musik Festival 2015 startet am Sonntag.

Wenn Kirchen, Scheunen und Gewächshäuser zu Konzertsälen werden, dann ist Schleswig-Holstein Musik Festival. Im Fokus stehen in diesem Jahr russische Romantik und der Percussionist Martin Grubinger, der mit seinem Spiel des Publikum zum Beben bringt.

  • Kommentare
Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3