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Kafkas Strafkolonie als Oper

Erstaufführung in Kiel Kafkas Strafkolonie als Oper

Im Opernhaus zieht dieser Tage mit Macht die ganze Welt der Moderne ein. Während auf der großen Bühne die japanische Hosokawa-Oper Matsukaze geprobt wird, erlebt am 27. April im Rangfoyer eine Kammeroper des Amerikaners Philipp Glass ihre deutschsprachige Erstaufführung.

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Die Regissuerin Julia Anslik und die Dirigentin Bettina Rohrbeck (re.).

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Der heute 78-jährige Minimal-Music-Star, berühmt für seine unablässig eindringlich, ja enervierend gereihten Akkordteppichklänge, hatte sich um die Jahrtausendwende einen der extremsten Texte von Franz Kafka, die 1914 im Kontext von Der Prozess entstandene Erzählung In der Strafkolonie, als Grundlage genommen.

 Am Kieler Theater haben sich Chefdramaturgin Cordula Engelbert, Studienleiterin Bettina Rohrbeck und die junge Regisseurin Julia Anslik nun gemeinsam um eine deutsche Rückübertragung aus dem Englischen verdient gemacht. „Wir wollten den Kafka-Text zurückholen, seine typischen Wortwendungen dabei möglichst geschickt auf die Musik verteilen“, so die Dirigentin Rohrbeck, die das vorgesehene Streichquintett auf dem Balkon des Foyers leiten wird. „Es ist erstaunlich, wie sich der typische Glass-Sound auch im Kammerformat einstellt“, ergänzt sie.

 Cordula Engelbert sieht eine optimale Chance, hier das zeitgenössische Musiktheater ganz nah und textverständlich an die Zuhörer heranrücken zu können. Da werden dann starke Nerven gefragt sein, denn Kafka thematisiert die Verblendung eines Offiziers, der in seiner Strafkolonie mit einer Tötungsmaschine vermeintlich „menschliche“ Hinrichtungen durchführt, um die „zweifellose Schuld“ der Internierten zu tilgen.

 In ihrer ersten größeren Inszenierung am Haus möchte Julia Anslik viel Wert darauf legen herauszuarbeiten, warum der Offizier und sein zunächst angewiderter, bald aber auch gefährlich faszinierter Beobachter, der „Reisende“, sich so verhalten, wie sie sich verhalten. „Der Text enthält viel Beschreibung, aber es steckt Emotion darunter“, so Anslik. Obwohl es naheliegend erscheint, beispielsweise auf Guantanamo zu verweisen, ist der Regisseurin das zeitlos Gültige des Stoffes wichtig. Das wiederhole sich in der Geschichte – von der Inquisition „bis zu unserem heutigen Umgang mit Fanatismus. Stets stellt sich auf den Reisenden bezogen die Frage, wie man eingreift.“

 Bettina Rohrbeck hat sich bei dem 80-Minuten-Stück für die Baritonfassung (Offizier) entschieden. „Und obwohl der Reisende deutlich weniger zu singen hat, ist es spannend, wie Glass den Tenor in extreme Lagen treibt, damit sich so seine unbequeme Situation spiegelt.“ Auch Julia Anslik interessiert sich besonders für den Denkprozess, den der Reisende durchmacht, da seine Faszination ja eigentlich im krassen Gegensatz zu seinen Werten stehe. Durch die Nähe zum Zuschauer sei in der Arbeit da mehr Subtilität möglich als auf Distanz.

 Premiere am Montag, 27. April (ausverkauft) im Foyer des Kieler Opernhauses. Weitere Termine am 4. und 18. Mai. Karten: 0431 / 901 901. www.theater-kiel.de

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Premiere im Opernhaus Kiel
Foto: Einführung in die Hinrichtungsmaschinerie: Tobias Peschanel (der Offizier, rechts) und Matthew Peña (der Besucher).

Mit einer durch ihre Klarheit überzeugenden Inszenierung von Philip Glass’ Taschenoper In der Strafkolonie gelang Julia Anslik am Montagabend im Rangfoyer des Kieler Opernhauses ein starker Regie-Einstand. Auch musikalisch geriet die deutschsprachige Erstaufführung des Werks zu einer faszinierenden Herausforderung für alle Beteiligten.

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