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Zuhause in unbekannten Welten

Kieler Sammlung in der Gerisch-Stiftung Zuhause in unbekannten Welten

Nein, er hat kein Konzept und er kann es auch nicht erklären, warum er Kunst sammelt, sagt der Kieler Unternehmer Peter Niemann, der jetzt zum ersten Mal seine „Sammlung N“ öffentlich zeigt. Bühne für 65 Arbeiten von 45 internationalen Künstlerinnen und Künstlern ist die Gerisch-Stiftung, die sich damit eine ambitionierte Sommerausstellung ins Haus geholt hat, die ab August mit Teil zwei fortgesetzt wird.

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Sammlerpaar mit Spaß an Hintersinn und doppeltem Boden: Peter und Gunda Niemann vor grßformatigen Fotoarbeiten von Thorsten

Quelle: Marco Ehrhardt

Neumünster. Bloß nicht so exponiert! Es kostet schon etwas Überredungskunst Peter und Gunda Niemann für das obligatorische Foto „Sammlerpaar in der Ausstellung“ zu überreden. „Es geht nicht um uns“, wendet Peter Niemann in seiner sympathisch schnoddrigen Art ein und wenn man dabei ist, wie er Gerisch-Kuratorin Kristin Danger nur allzugern das Feld überlässt, glaubt man es ihm sofort. Sie hat die Exponate auf Villa Wachholtz, Park, Galerie, Stall und das alte Efeuhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite klug verteilt und nachvollziehbare inhaltliche und thematische Schwerpunkte gesetzt.

 Angefangen hat mit Sammlung N, als der 16-jährige Kieler Humboldt-Schüler Niemann seine erste Grafik kaufte. Seither hat ihn das Kunstsammeln im festen Griff. Und wenn er gefragt wird, warum er das eigentlich tut, dann nennt er zuerst viele Gründe dafür, warum er es eben nicht tut. „Es geht nicht ums Besitzen, es geht nicht um Wert und auch nicht um Komplettierung oder darum, sich ein Ziel zu setzen.“ Und warum streift er durch Berlins Galerien, warum lag die Art Cologne neulich selbstverständlich auf dem Weg? „Es geht um Öffnung in Welten, die ich nicht kenne“, sagt Niemann mit der ihm eigenen Eindringlichkeit, die liebenswert jungenhaft daherkommt.

 Angesichts der Ausstellung, die Kristin Danger auf allen Bühnen der Stiftung inszeniert hat, lässt sich ermessen, dass es schier unmöglich ist, diese Kunstwerke wie Trophäen um sich zu sammeln. Zu viel, zu groß, zu sperrig. Die insgesamt 200 zeitgenössischen Arbeiten aller Gattungen und Medien formieren sich inzwischen zu museumsähnlichem Format. Installationen, Großskulpturen werden in Lagerhallen verwahrt. Die Künstlerliste führt so klangvolle Namen wie Santiago Sierra, Tobias Rehberger, Olafur Eliasson, Syvie Fleury oder Alicja Kwade, um nur einige zu nennen.

 Manches ist so groß, dass es nach einem eigenen Haus verlangt. In diesem Fall ist eine eigens vom Gerisch-Team gebaute Nissenhütte der passende Unterstand für die lebensgroße Panzerattrappe von Michael Sailstorfer. Die bläst sich auf dem Rasenstück neben der Villa Wachholtz mit einigem Imponiergehabe zu ganzer Größe auf, um dann wieder irgendwie kleinlaut in sich zusammenzufallen. Sailstorfer ist einer der zahlreichen Künstler in der Sammlung, dessen Name im Kunstbetrieb hoch gehandelt wird. Seine Arbeit T 72 aus dem Jahr 2007 ist ein Readymade, das der Künstler in China fand. Das lebensgroße Ungetüm in Tarnfarben wurde nicht nur von der chinesischen Armee, sondern sogar von der Bundeswehr eingesetzt, um an den feindlichen Linien Verwirrung zu stiften. Im vergangenen Jahr machte der aufblasbare Panzer im Kieler Flandernbunker Furore; jetzt liefert er im idyllischen Parkkontext das passende sperrig-spröde Entree für die Kunst der Sammlung N, der jede Glätte, jede schicke Oberflächlichkeit suspekt ist. Seine Leidenschaft für eine künstlerische Arbeit fängt an, wenn eine Grenze überschritten ist, sagt der Sammler. „Man darf nicht wissen, was es ist.“

 Wie bei Thorsten Brinkmann, der im Container vor der Villa in einer begehbare Kunstkiste aus Sperrholz einen heimeligen Unort mit Bettstatt und allerlei Insignien der Gemütlichkeit eingerichtet hat. Ein Stapel alter Platten und zuoberst Heimat Deine Lieder neben dem Plattenspieler, dazu zwei Spazierstöcke mit aufgenagelten Wappen an der Wand. Das ist skurril, aber in seiner buchstäblich spießigen Übersichtlichkeit auch bedrohlich. Auf den Hamburger Brinkmann und seinem schrägen Humor, mit dem er unser kollektiven Bildgedächtnis befragt, stößt man mehrfach in der Wachholtz-Villa, wo großformatige Fotoprints neben zwei Arbeiten des Finnen Hannu Karjalainen die Frage nach Identität ziemlich farbkräftig in den Raum stellen. Immer wieder wird der Besucher in der Sammlung N mit Geschichten hinter den Bildern konfrontiert. Ob bei der libanesischen Atlas Group, hinter der sich der Künstler Walid Raad verbirgt, oder bei dem Rügener Künstler Sven Johne, der die Geschichte des weltweit ersten Containerfrachters „Ideal X“ bis in ihren fiktiven Untergang weiterspinnt.

 Das „Efeuhaus“ gegenüber der Villa Wachholtz ist erstmals als neuer Spielort für die Stiftung erprobt worden. In den teilrenovierten Räumen des alten Hauses hat Kuratorin Kristin Danger auf zwei Geschossen Skulpturen und Installationen versammelt, die durch ihrer spröde Materialität oder Wucht sprechen. Darunter der kolumbianische Künstler Oscar Murillo, mit 28 Jahren Liebling der internationalen Szene. Die Preise für seine Arbeiten kletterten in kurzer Zeit in schwindelerregende Höhen. Und da ist sogar der sonst auf Understatement bedachte Peter Niemann stolz, dass er zwei Murillo-Kugeln mit allerlei Atelierdreck und eine vom Gebrauch patinierte Bodenarbeit vor dem Hype zu vergleichsweise moderatem Preis erwerben konnte.

 Die Räume des Hauses mit ihrer nicht vollständig getilgten Alterspatina sind atmosphärisch genug für den Auftritt von Sailstorfers Drumkit, einem Schlagzeug, geformt aus dem Blech eines US-Polizeiwagens, das ganz frisch in die Sammlung gekommen ist. Und da ist es wieder, das Leuchten in Niemanns Augen. Warum es das seine musste? „Ich bin doch Schlagzeuger“, sagt er. Und sein Vater, fügt er fast ein wenig schlemisch hinzu, der wäre damals um ein Haar Jazzschlagzeuger geworden. Es ist eben so eine Sache mit Leidenschaften und Lebenswegen.

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