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Viel Witz und wenig Ironie

Eutiner Festspiele Viel Witz und wenig Ironie

Christel von der Post kommt mit der Vespa: „Der Vogelhändler“ trotz bei den Eutiner Festspielen jeder Wetterlage.

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Der Rosenstrauß, den Marie dem Vogelhändler Adam (Christian Bauer) geschenkt hat, löst ein Eifersuchtsdrama mit Christel (Susanne Großsteiner) aus.

Quelle: Dirk Schneider

Eutin. Die Sopranistin Peggy Steiner ist mitten im Lied der Kurfürstin: „An dem blauen Himmelsbogen / Ging der Mond, die Sterne zogen“, da prasseln dicke Regentropfen auf die Eutiner Freilichtbühne. Auf den Rängen bricht Unruhe aus, ein geschäftiges Knistern übertönt das Orchester – man hüllt sich in Regencapes. Die Sängerin aber, ungeschützt im schulterfreien roten Kleid, ignoriert das alles. Sie bringt ihr Solo, das von der Hochzeitsnacht mit einem „schönen, schönen Mann“ erzählt, ohne mit der Wimper zu zucken zu Ende: „Heimlich flüsternd half der Freier / Mir zu lösen Band und Schleier.“

 Die Premiere von Der Vogelhändler, der populärsten Operette des österreichischen Ministerialrats und Nebenerwerbskomponisten Carl Zeller von 1891, hatte bei schönstem Open-Air-Wetter und mit einem Wilderer-Auftrieb angefangen. Zwar sind das von Urs-Michael Theus mit starker Hand geführte und solide aufspielende Festspielorchester und die Sänger auf der Bühne noch nicht ganz synchron. Doch schon da lässt sich eine Stärke der Aufführung hören: Der aus Profis und Amateuren gebildete Chor vereint starke Stimmen (vor allem die weiblichen) und spielfreudige Mimen. Die Menge wogt immer wieder perfekt choreografiert hin und her, verspottet hämisch diejenigen, die Spott verdienen – die Obrigkeit – und singt hingebungsvoll.

 Ein erster Knalleffekt dann der Auftritt des Vogelhändlers. Adam aus Tirol, der seine Braut besuchen will, stürmt mit Landsleuten aus einer überdimensionalen Alpenpanorama-Postkarte. Die österreichische Migrantenschar vollführt einen Schuhplattler, sie hat ihre Lederhosenkultur mitgebracht: „Grüaß enk Gott, alle miteinander“. Faltenröcke, Schürzen und Kopftücher bei den Frauen, Schiebermützen und Janker bei den Männern lassen auf eine Handlung in der Nachkriegszeit schließen. Fragt sich nur, nach welchem Krieg. Aber das ist nebensächlich.

 Die Geschichte von Adam und seiner Postchristel – die Briefträgerin kommt spektakulär mit der Vespa vorgefahren – ist operettenhaft verwoben: Erst begehren sie sich, dann tauchen in Gestalt der Kurfürstin und des Grafen Stanislaus erotische Missverständnisse auf, die zum Bruch der Beziehung führen. Am Ende bekommt aber jede und jeder, was er oder sie verdient: Adam die Christel, Baron und Wildhüter Weps die Hofdame Adelaide, Stanislaus, der sich zwischendurch als Kurfürst ausgibt, das Nachsehen.

 Regisseurin Dominique Caron hatte vor der Premiere die subversive Kraft der Operette beschworen. Und sie bietet auch viel Witz, aber leider wenig Ironie. Der Pas de troi von zwei Professoren mit einem Diener ist gekonnt inszeniert, aber allzu musikantenstadlhaft. Ein Lied des Baron Weps, angereichert mit aktueller Politik und lokalen Döntjes, sichert Lacher. Der Humor aber bleibt harmlos immanent, der Kampf der Geschlechter stereotyp: Die Frauen wollen erobert sein, die Männer sind Jäger und Rammler. Und die Gefoppten.

 Ein paar schöne Stimmen tun sich hervor. Christian Bauer als Tiroler Adam verfügt über einen sehr wendigen Tenor, dazu als Wiener über den Originalton. Übertroffen wird er aber vom britischen Stanislaus-Darsteller Theodore Browne, der noch in Frankfurt studiert, aber bereits eine stimmliche Sicherheit und Strahlkraft besitzt, die ihn zum Bayreuth-Kandidaten machen könnten. Auch Bassbariton Oliver Weidinger kann sich als Weps mühelos gegen Wind, Blätterrauschen und ein auftrumpfendes Orchester durchsetzen. Er ist zudem ein origineller Schauspieler. Genauso wie Sopranistin Susanne Großsteiner als Briefchristel. Von Sopranistin Peggy Steiner lässt sich immerhin berichten, dass sie sehr wetterfest ist.

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Ein Artikel von
Michael Berger

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Festspiele
Foto: Man schätzt sich in Eutin: Intendantin Dominique Caron (links) und Geschäftsführerin Sabine Kuhnert.

In Bayreuth läuft der Zwist (traditionell) im Vorfeld, auf Eutins Grünem Hügel verhageln umstrittene Beschlüsse die 65. Festspielzeit. Hier wie da geht es nicht um Kunst allein, wohl aber um Harmonie und Dissonanzen. Zwischen den beiden Saisonpremieren trafen diejenigen Herren, die vor vier Jahren die Eutiner Festspiele beherzt vor der drohenden Insolvenz gerettet haben, eine knappe Mehrheitsentscheidung, die nun ihre eigene Aufbauarbeit zu gefährden droht.

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