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Hure, Herrin, Heilige

„Evita“ im Kieler Opernhaus Hure, Herrin, Heilige

Was für ein Abgang gleich zu Anfang. Da wird „die geistige Führerin unserer Nation“ staatlich betrauert: „Santa Evita“. Doch war die junge Charismatikerin nicht eher ein verführerischer Vamp, ein Showstar, der das Volk gekonnt als Kulisse nutzte, um es um jeden Preis bis ganz nach oben zu schaffen?

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Annäherung auf dem Weg nach ganz oben: Heike Wittlieb als Eva Duarte und Rudi Reschke als Juan Domingo Perón.

Quelle: Theater Kiel

Kiel. Andrew Lloyd Webbers Erfolgsmusical „Evita“ aus den Siebzigerjahren feierte am Sonnabend im Kieler Opernhaus Premiere. Und erntete in der intensiven Beleuchtung beider Aspekte großen Beifall.

Webber, der neuzeitliche Musicalkomponist schlechthin, verbreitet viel eingängigen Wohlklang, spart aber zu den Texten von Tim Rice auch Dissonanzen nicht aus. Inhaltlich steht dafür Che, ein Mann des argentinischen Volkes, einer mit gesundem Menschenverstand. Mit kritischem Geist verfolgt er den kurzen Lebensweg Evitas, des Mädchens vom Lande, das mit 15 Jahren aufbricht, in der Großstadt unaufhaltsam Karriere zu machen. In der effektvoll stringenten Inszenierung von Ricarda Regina Ludigkeit ist dieser Che (Siegmar Tonk) eine omnipräsente, moderierende Schlüsselfigur. Nicht wirklich als Revolutionär, wirkt er allemal als Gegenpol zu Glanz und Gloria, die jene Eva Duarte zunehmend bestrahlen, je weiter sie sich, wie eine Hure, durch hauptstädtische Betten nach oben schläft – ins bessere Leben eingeführt von dem tourenden Tangostar Agustin Magaldi (Michael Müller): „Er hatte die Ehre, der erste von Nutzen zu sein“, lautet Ches nüchterne Analyse.

 „Ich will dabei sein, endlich dabei sein“: Unbeirrt durchschreitet Evita die verschiedenen Ebenen des sparsamen, aber variabel, mehrdimensional und multimedial ausgerichteten Bühnenbildes (Norbert Ziermann), vorbei an Widerstand von Nobilität und Militär direkt an die Seite des künftigen Machthabers Juan Domingo Perón. Dessen bisherige Flamme (Leoni Kristin Oeffinger) wird von ihr kurzerhand des herrschaftlichen Bettes verwiesen.

 Die Kieler Kammersängerin Heike Wittlieb verkörpert die mal heißblütige, dann wieder kalkuliert gefühlskalte Aufsteigerin mit Verruchtheit und Würde, mit großem Einsatz und großer, wandelbarer Stimme. Ihre Partie ist ein Kraftakt. Ein Kraftakt wie auch das Leben der Eva Perón, die im Alter von 33 Jahren starb, als sie eigentlich alles erreicht hatte. Denn irgendwie ist sie „eine von Euch“ geblieben, weshalb Argentinien nicht um sie weinen soll (Don't cry for me, Argentinia): Beeindruckend ist die Rede der charismatisch-dreisten Präsidentengattin vom Palastbalkon an das per Original-Projektion eingeblendete Volk. „Wie tief ist das Land gesunken,“ hadert Handlungsvermittler Che, als er konstatieren muss, dass Evita mit 26 Jahren am Ziel ihres nur scheinbar märchenhaften Weges nach oben ist. Siegmar Tonk ist hörbar im Musicalfach zuhause, stimmlich wendig, hochpräsent und sympathisch im Auftritt. Argwöhnisch verfolgt sein Che mal aus der Distanz, mal aus unmittelbarer Nähe das Geschehen. So begleitet er auch die Verwandlungen der generösen Präsidentengattin (nicht zuletzt in der Kostümierung Gabriele Heimanns eindrucksvoll umgesetzt), auf ihrer berühmten „Regenbogentour“ durch Europa.

 Es ist irgendwie, als ob es immer so weitergehen müsste. Und doch kommt es anders. Rudi Reschke, als stimmgewaltiger, eher etwas steifer, populistischer Machthaber Juan Domingo Perón und Profiteur seiner umtriebigen Gattin, führt der gerade noch von den Kindern der Nation gefeierten „Santa Evita“ vor Augen, dass ihre Kräfte endlich sind. „Mein Leben war wie ein Tanz, doch wie schnell erlosch der Glanz“, muss sie selbst geschwächt erkennen.

 Ganz unspektakulär schlicht verklingt mit ihrem Tod das Musical, das vorher über zwei Stunden lang eine bewegte Biografie musikalisch bewegend erzählt hat. Da spielen auch Opern-, Jugend- und der Kinderchor des Theaters (in bester Einstudierung durch Lam Tran Dinh, Vinzenz Weissenburger) eine wichtige, bis in die Choreografie fordernde Rolle. Unter der Leitung von Kapellmeister Whitney Reader agiert das 18-köpfige Musikerensemble im Orchestergraben mit Temperament beim Tango und Pathos auch im Walzertakt. Selbst in musikalisch kniffligen Passagen gibt es keine nennenswerten Reibungsverluste. Oft grenzt in Andrew Lloyd Webbers Hitfabrik Emotionalität an Kitsch, selten jedoch wird im Kieler Rahmen die Grenze musikalisch überschritten.

 Der Stoff, der etwas aus der Zeit gefallen scheint, obwohl er mit Blick auf weltweit populistische Tendenzen schmerzhafte Aktualität genießt, hat in dieser Verpackung das Potenzial, in Kiel ein Publikumsmagnet zu werden.

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Ein Artikel von
Konrad Bockemühl
Ressortleiter Kulturredaktion

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