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Erstaunliche Texte, unerwartete Klänge

Experiment in der Leselounge Erstaunliche Texte, unerwartete Klänge

Literatur muss keineswegs abgelesen werden – man kann sie auch inszenieren. Zwei sehr gute Beispiele hierfür waren im Rahmen der Leselounge im Literaturhaus zu erleben.

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Vielseitige Sprachspieler: Ulrike Almut Sandig, Jakob Nolte und Moritz Löwe.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. Von Kai U. Jürgens

Die Lyrikerin Ulrike Almut Sandig und der Autor Jakob Nolte. Während Sandigs Präsentation auf ihrer vielseitigen Stimme und zugespielten Sounds basierte, hatte Nolte von seinem Roman ALFF eine Hörspielfassung erarbeitet, die er live mit dem Musiker und Schauspieler Moritz Löwe zusammen vortrug. Die Leselounge bewährte sich damit erneut als Plattform für innovative Literaturformate.

 Der neue Gedichtband der mit zahlreichen Preisen gewürdigten Autorin Ulrike Almut Sandig (Jg. 1979) hat einen Titel, der allein schon ein kleines Wunder ist: ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt (Schöffling & Co.). Sandigs Texte sind bereits dem variationsreichen Schriftbild nach vielseitige Abenteuerreisen in wenig erkundete Gebiete, was sich in der Veranstaltung widerspiegelt: Die Autorin liest nicht einfach, sondern arbeitet mit ihrer Stimme und verwendet zusätzliche Klangeinspielungen. Dies unterstützt ihre Gedichte nicht nur wirkungsvoll, sondern verwandelt sie in akustische Kunstwerke, bei denen der Inhalt von der Darbietung kaum zu trennen ist. Thematisch sieht die Autorin ihre Texte als „Positionsbestimmungen“ in ihrem „Reise- und Rollkofferleben“ an und verarbeitet vielfältige (und oft politische) Einflüsse. Dazu gehört ein Bericht über Guantanamo (ballade von der abschaffung der nacht) ebenso wie eine ironische Innendarstellung der Neuen Rechten (wir werden DNA-Stränge sein). Öfter greift Sandig auf die Hausmärchen der Brüder Grimm zurück, die ihr ideales Hilfsmittel „beim Nachdenken über die Gegenwart“ sind; dabei steht die Frage im Mittelpunkt, „welche Inhalte die Märchen unterschwellig vermitteln“.

 Ihre ironische Fassung von Hans im Glück handelt daher von einer Person, die von Hans verlassen wurde und sich nun in bezeichnender Kurzform meldet: „ich schreibe dir nur um dich wissen zu lassen / es fehlt mir a nichts“, um schließlich hinzuzufügen: „breche hier ab. Kann mein eigenes Wort kaum verstehn“.

 Jakob Nolte (Jg. 1988) wählt ebenfalls den Weg der Transformation. Sein Hörspiel ALFF in Moll greift Elemente seines Romans ALFF (Matthes & Seitz) auf, um sie mit Klängen und musikalischen Einspielungen zu erweitern, was sehr gut zum sprunghaften Charakter der Vorlage passt. ALFF spielt in den USA der 1990er Jahre. Die Ermordung eines Teenagers setzt unter seinen Mitschülern an der „High & Low Highschool“ eine dynamische Ermittlung in Gang, die in erster Linie als Folie für Noltes Sprachspiele dient.

 Da gibt es Telefonmasten, „die zu schwarz für ihr Alter sind“, während Optimismus als „Mangel an Information“ bezeichnet wird. „Ich arbeite am liebsten mit Freunden zusammen“, meinte der Autor, der mit seinem Mitstreiter Moritz Löwe eigentlich eine Band gründen wollte, „doch dafür spiele ich zu wenig Instrumente“. Umso mehr vermochte nun das Hörspiel zu punkten, bei dem auch die Inszenierung stimmte: Beide Akteure übten sich im professionellen Understatement und verschwanden bisweilen hinter einer dichten Kunstnebelwand. Selbstironie ist eben doch das beste Überlebensmittel.

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