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Im Zeichen des Fluches

Fabio Ceresa inszeniert Verdis „Rigoletto" Im Zeichen des Fluches

„Rigoletto ist eine Schatzkiste an Melodien, selbst auf dem Mond kann jeder La Donna e mobile nachsingen!“ Der junge italienische Regisseur Fabio Ceresa, der gerade in London mit dem International Opera Award als „Nachwuchsregisseur 2016“ geehrt wurde, schwärmt von der Verdi-Oper, die ihm mit elf Jahren eine neue, seine Welt erschlossen hat.

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Im Austausch über Verdis „Rigoletto“: Der Kieler GMD Georg Fritzsch (li.) und der italienische Nachwuchsregisseur Fabio Ceresa.

Quelle: uwe paesler

Kiel. „Ich stamme aus einer eher amusischen Familie – als ich aber Gildas Arie Caro nome hörte, war plötzlich alles anders“. Der Regisseur, der parallel zu Kiel im irischen Opernmekka Wexford eine Donizetti-Rarität auf die Bühne bringt, begeistert sich auch für das Libretto. „Verdi wollte es besonders knapp und hat dadurch 1851 einen extrem energiegeladenen Text erreicht.“ Die bislang beste Oper, wie der Komponist selber fand. Ceresa lacht: „Er hat allerdings dasselbe über Giovanna d'Arco gesagt – deshalb ist das wohl nicht so glaubwürdig ..." Aber völlig richtig, findet Kiels Generalmusikdirektor Georg Fritzsch: „Das hat eine geradezu unheimliche Klarheit in der musiktheatralischen Tradition von Mozart. Verdi wird dem Ausdruck in jeder Sekunde gerecht. Großartig prägnant ist das, wie er die Charaktere mit individuellen Klangfarben belegt.“

 Die berühmte und berührende Geschichte des Hofnarren, der seine geliebte Tochter Gilda gerade deshalb verliert, weil er sie schützen und ihre Entführung und ihren Missbrauch rächen will, sieht Ceresa ganz im Zeichen des Fluches: „Jeder Akt endet mit dem Wort Maledizione, das in Italien eine viel größere und dämonischere Bedeutung hat als sonstwo. In meiner Inszenierung ist der Fluch deshalb nicht nur ein Ereignis, sondern eine ringförmige Kette. Monterone verflucht Rigoletto, aber er gibt das Böse nur weiter, denn er ist selber verflucht worden. Man könnte sagen: Monterone ist der ältere Rigoletto, Rigoletto der neue Monterone und Marullo wird der neue Rigoletto sein. Niemand kann den Fluchzyklus stoppen, er ist übermächtig.“ Rache könne nie den Anspruch erheben, gerecht zu sein, ergänzt der Dirigent der Neuproduktion. „Sie kehrt sich zu Recht gegen die Titelfigur, auch wenn ich selber als Vater Verständnis für ihn habe.“

 Ist Verdis Oper ein Stück von heute? Ceresa: „Sie ist ein Klassiker – und die stehen über den Zeiten, sind in jeder Epoche gültig. Rigoletto kann man im Alten Rom spielen lassen, in der Renaissance, in der Romantik der Entstehungszeit (wie wir das jetzt anlegen) oder im Heute und Morgen. Jeder Regie-Versuch einer Zerschlagung durch Zeitbrüche prallt an ihr gnadenlos ab.“ Ceresa reizt als Italiener auch der politische Subtext, denn Verdi setzte über Victor Hugos Le roi s'amuse den Herzog von Mantua unterschwellig in Bezug zur Befreiung von Fremdherrschaft, die im Befreiungskrieg 1848 nicht gelungen war. Rigoletto wolle den Herzog töten, aber er schaffe es nicht. „Ich werde Sie aber überraschen: Mein Lieblingscharakter ist dennoch der Herzog“, sagt Ceresa: „Er wird missverstanden und deshalb ist er bei uns auch nicht der Dämon, sondern eher ein Typ Don Giovanni, der alle seine Frauen wirklich liebt, wenn er mit ihnen schläft.“

 Ceresa stammt aus bester Regie-Schule. An der Mailänder Scala profitierte er vor allem von seiner Assistententätigkeit bei Patrice Chereau, Dmitri Tcherniakov oder Peter Stein („eine Show für sich, wenn er eine Regiearbeit 'dirigiert'“). Häufig hat der 1981 geborene Lombarde inzwischen Werke von Verdi und Puccini in Szene gesetzt, begeistert sich aber auch für französisches und russisches Repertoire. Bei seinem Debüt an einem deutschen Opernhaus genießt er die locker kreative Arbeitsatmosphäre – ohne eine ständige Einmischung der in Italien übermächtigen Gewerkschaften. Der größte offene Wunsch des Wagner-Fans: ein Fliegender Holländer. „Aber italienische Regisseure bekommen immer nur italienische Opern angeboten ...“

 Premiere am Sonntag, 9. Oktober, 18 Uhr. Karten: 0431 / 901 901. www.theater-Kiel.de

 

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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