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Riesenjubel um die neue "Rigoletto"-Produktion

Oper Kiel Riesenjubel um die neue "Rigoletto"-Produktion

Beifallsstürme für die neue "Rigoletto"-Produktion der Kieler Oper: Nach 15 Jahren kehrt Giuseppe Verdis bewegendes Melodramma zurück und begeistert musikalisch und szenisch das Publikum.

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Das Leben als Verführung

Gilda (Hye Jung Lee, Mitte) ist aus dem Schutzraum Rigolettos entführt worden und wird dem Herzog (Yoonki Baek, links) präsentiert.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Kiel. Mit der Last des Fluches und den Verlustängsten eines Vaters kannte sich Giuseppe Verdi gnadenlos aus: Als Messdiener hatte er selber angeblich seinen Priester verflucht, der später tatsächlich vom Blitz erschlagen wurde. Als junger Vater verlor er seine Tochter. Wie in seinem Opernerstling Oberto musste er für sein Meisterwerk Rigoletto nur erneut beides zusammenbringen, das Wahre neu erfinden und das Tragische zum Klingen bringen. Es ist ihm grandios gelungen.

Der international aufstrebende norditalienische Opernregisseur Fabio Ceresa hat bei seinem Deutschland-Debüt die Mechanismen, die den zynischen Hofnarren ins eigene Fleisch schneiden lassen, besonders in der differenzierteren zweiten Hälfte seiner Kieler Neuinszenierung anschaulich deutlich gemacht. In einer riesigen, aufklappbaren Kiste des abstraktionswilligen Bühnenbildners Domenico Franchi platzen die Hofschranzen fasst aus ihren üppigen Kostümen und Masken. Giuseppe Palella hat sie der Entstehungszeit von Roman-Vorlage und venezianischer Uraufführung entlehnt. Hier begegnet uns in nüchternem Rahmen ein schwarz-roter Tanz der Vampire, dämonischer Tummelplatz der Schleimer und Verräter, Gerüchteküche und – ewig virulentes Fluch-Labor. Jeder könnte das nächste Opfer sein. 

Mit mächtigem Wortgedonner sticht Rigoletto in dieses Wespennest. Der erst 30-jährige mongolische Bariton Amartuvshin Enkhbat begeistert dabei mit einer Stimmgewalt, die zunehmend menschliche Wärme aufnimmt. Sie strömt wunderbar vollmundig legatodicht. Und sie kippt schließlich beeindruckend in Angst- und Klagelaute. Dass die Bühnenfigur statisch bleibt, wird so gar nicht zum Problem: Das Publikum ist aus dem Häuschen.

Seine Tochter Gilda bewahrt der Riese Rigoletto in einem Schutzraum auf. Liebesrotleuchtende Tarnnetze schirmen sie vom Begehren der Außenwelt ab. Doch Hye Jung Lee verkörpert die jugendliche Expansionskraft der Überbehüteten, schießt ihre Koloraturen wie Notsignale in den freien Raum. Der koreanischen Sopranistin steht dafür ein perfekt sitzendes Stimmorgan zur Verfügung, das im Glitzern der Tonketten auch viele Emotionsstufen hörbar macht – bis zum bitteren, aber sanft ins Verklärte gewendeten Schluss grenzenloser Hingabe. 

Ceresa zeichnet ihren Geliebten, den Herzog, zwar als merkwürdige Verführer-Mixtur aus Don Giovanni und Michael Jackson, gesteht ihm aber Charakter zu. Als die rachsüchtigen Höflinge Gilda entführen, ist er sichtlich selber in liebender Sorge um sie. Die Regie zeigt das in einer Simultanpantomime: Zunächst lässt er sich durch keine andere weibliche Flamme mehr ablenken. Yoonki Baek gestaltet ihn mit heißer Emphase, singt ihn aber am Premierenabend mit etwas flackernd angestrengtem Tenor.

Der Womanizer verfällt dann doch auf Vermittlung des Auftragsmörders Sparafucile (etwas ungenau und rau: Kemal Yasar) der schön gurrenden Maddalena (Tatia Jibladze). Prompt sammeln sich im Hintergrund schon die Fluch-Kriecher. Und Gilda irrt in Verdis genialem Doppelduett ungesehen als fassungslose Anklägerin durch das verblendete Blickfeld ihres Herzogs. Solche in der Inszenierung betonten Veranschaulichungen der inneren, einem platten Realismus abgewandten szenischen Interaktionen sind die Stärke des kompakten Abends. Das gilt auch für die Schlussszene, in der nicht etwa eine Erstochene röchelnd singen muss, sondern sich eine anrührend singende Seele den Händen des fluchbeladenen Vaters entringt.

Generalmusikdirektor Georg Fritzsch hat für all das nicht nur den wieder pointiert von Lam Tran Dinh einstudierten Männerchor und ein weit gefächertes Ensemble an der Hand, er animiert die Philharmoniker zu packend dramatischem Mitgestalten. Der Dirigent denkt die Partitur hörbar nicht von der Belcanto-Tradition her, sondern entdeckt in intimen Duett-Schattierungen, Gewaltexplosionen, panischem Schrecken und schaurigen Gewitter-Szenarien schon den verflucht guten Verdi der Zukunft.

 Termine am 12., 20., 22. und 29. Oktober, 6. und 12. November, 13. Dezember, 8. und 13. Januar, 2. Februar, 12. März und 21. April. Karten: 0431 / 901 901. www.theater-kiel.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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