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Wortgedonner im Wespennest

„Rigoletto“ am Kieler Opernhaus Wortgedonner im Wespennest

Mit der Last des Fluches und den Verlustängsten eines Vaters kannte sich Giuseppe Verdi gnadenlos aus: Als Messdiener hatte er selber angeblich seinen Priester verflucht, der später tatsächlich vom Blitz erschlagen wurde. Als junger Vater verlor er seine Tochter. Wie in seinem Opernerstling Oberto musste er für sein Meisterwerk Rigoletto nur erneut beides zusammenbringen, das Wahre neu erfinden und das Tragische zum Klingen bringen. Es ist ihm grandios gelungen.

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Rigoletto (Amartuvshin Enkhbat) und seine Tochter Gilda (Hye Jung Lee) vor den liebesrotleuchtenden Tarnnetzen des väterlichen Schutzraumes.

Quelle: Struck

Kiel. Der international aufstrebende norditalienische Opernregisseur Fabio Ceresa hat bei seinem Deutschland-Debüt die Mechanismen, die den zynischen Hofnarren ins eigene Fleisch schneiden lassen, besonders in der differenzierteren zweiten Hälfte seiner Kieler Neuinszenierung anschaulich deutlich gemacht. In einer riesigen, aufklappbaren Kiste des abstraktionswilligen Bühnenbildners Domenico Franchi platzen die Hofschranzen fast aus ihren von Giuseppe Palella üppig entworfenen, der Entstehungszeit von Romanvorlage und venezianischer Uraufführung entstammenden Kostümen und Masken: ein schwarz-roter Tanz der Vampire, dämonischer Tummelplatz der Schleimer und Verräter, Gerüchteküche und ewig virulentes Fluch-Labor.

 Mit mächtigem Wortgedonner sticht Rigoletto in dieses Wespennest. Der erst 30-jährige mongolische Bariton Amartuvshin Enkhbat begeistert dabei mit einer Stimmgewalt, die zunehmend menschliche Wärme aufnimmt, wunderbar vollmundig legatodicht strömt und schließlich beeindruckend in Angst- und Klagelaute kippt. Dass die Bühnenfigur statisch bleibt, wird so gar nicht zum Problem: Das Publikum ist restlos begeistert.

 Seine Tochter Gilda bewahrt er in einem Schutzraum auf. Liebesrot leuchtende Tarnnetze schirmen sie vom Begehren der Außenwelt ab. Doch Hye Jung Lee verkörpert die jugendliche Expansionskraft der Überbehüteten, schießt ihre Koloraturen wie Notsignale in den freien Raum. Der koreanischen Sopranistin steht dafür ein perfekt sitzendes Stimmorgan zur Verfügung, das im Glitzern der Tonketten auch viele Emotionsstufen hörbar macht – bis zum bitteren, aber sanft ins Verklärte gewendeten Schluss grenzenloser Hingabe.

 Ceresa zeichnet ihren Geliebten, den Herzog, zwar als merkwürdige Verführer-Mixtur aus Don Giovanni und Michael Jackson, gesteht ihm aber Charakter zu. Als die rachsüchtigen Höflinge Gilda entführen, ist er sichtlich selber in liebender Sorge um sie und lässt sich (die Regie zeigt das in einer Simultanpantomime) zunächst durch keine andere weibliche Flamme mehr ablenken. Yoonki Baek gestaltet ihn mit heißer Emphase, singt ihn aber am Premierenabend mit etwas flackernd angestrengtem Tenor. Als der Womanizer dann doch auf Vermittlung des Auftragsmörders Sparafucile (etwas ungenau und rau: Kemal Yasar) der schön gurrenden Maddalena (Tatia Jibladze) verfällt, irrt Gilda in Verdis genialem Doppelduett ungesehen als fassungslose Anklägerin durch sein verblendetes Blickfeld. Solche in der Inszenierung betonten Veranschaulichungen der inneren, einem platten Realismus abgewandten szenischen Interaktionen sind die Stärke des kompakten Abends. Das gilt auch für die Schlussszene, in der nicht etwa die Erstochene singen muss, sondern sich ihre singende Seele den Händen des fluchbeladenen Vaters entringt.

 Generalmusikdirektor Georg Fritzsch hat für all das nicht nur den wieder präzise von Lam Tran Dinh einstudierten Männerchor und ein weit gefächertes Ensemble bis in die Nebenfiguren an der Hand, er animiert die Philharmoniker zu packend dramatischem Mitgestalten. Der Dirigent denkt die Partitur hörbar nicht von der Belcanto-Tradition her, sondern entdeckt in Schattierungen, Gewaltexplosionen, panischem Schrecken und schaurigen Gewitter-Szenarien schon den verflucht guten Verdi der Zukunft.

  Opernhaus Kiel. Termine am 12., 20., 22., 29.10, jeweils 19.30 Uhr; 6.11., 18 Uhr; 12.11., 13.12., jew. 19.30 Uhr. Karten: Tel. 0431 / 901901. www. theater-kiel.de

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