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Weltmusik statt Weltschmerz

SHMF: Mariza Weltmusik statt Weltschmerz

Schleswig-Holsteiner können harte Brocken sein. Das weiß nun auch Mariza, ungekrönte neue Königin des Fado. Selbst in China habe das Publikum mitgesungen, fordert die charismatische Sängerin die rund 2500 Gäste in der Kieler Sparkassen-Arena heraus.

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Familienfeier mit einem uneitlen Weltstar

Im schwarzen Kleid sang Mariza traditionelle Fados, im Hintergrund Gitarrist José Manuel Neto.

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. „Come on, shy people, wake up! This sounds terrible!“ Doch braucht es mehrere hartnäckige Anläufe, die Menge zu einem beherzteren, synchronen Mitsingen zu animieren. Mariza wähnt sich in ihrer Begrüßung erstmals in Kiel. Da regt sich vereinzelt lauter Widerspruch, vor allem aus der portugiesischen Gemeinde im Publikum. Berechtigt, denn Ende November 2003 stand sie im Schloss noch am Anfang ihrer Weltkarriere, sang Lieder ihrer ersten beiden Alben Fado em mim (2001) und Fado Corvo (2003). Damals war Mariza stilistisch noch stärker dem traditionellen Fado verhaftet. Davon kann auf dem aktuellen, achten Album Mundo, übersetzt „Welt“, keine Rede mehr sein.

 Eine weltmusikalische Entwicklung, die das SHMF-Konzert spiegelt. Erst ist da nur Marizas Stimme. Klagend, ungemein kraftvoll. Pedro Jóia (klassische Gitarre), José Manuel Neto (portugiesische Gitarre) und Fernando „Yami“ Araújo (Akustikbass) gesellen sich instrumental erst im zweiten, heitereren Stück hinzu. Mariza, im eleganten, schwarzen Kleid, begleitet ihren glutvollen und zugleich kühlen, mit einem sinnlichen Timbre gesegneten Gesang mit einem reichen gestischen und mimischen Repertoire. Greift vehement in die Luft, zieht dann abrupt die Faust an die Brust und senkt ruckartig den Kopf, wirft ihn in den Nacken, die Augen geschlossen. Mag es auch so manches Mal einstudiert sein, es verfehlt nicht seine faszinierende Wirkung. Das Klischee, der Fado sei eine eher niederziehende Angelegenheit, widerlegt Mariza eindrucksvoll schon im ersten Set ihres Konzerts, auch mit ihrem gravitätisch schreitenden „Lieblingsfado“ Primavera.

 Das Vorurteil der traurigen Musik kippt erst recht im zweiten Part mit Marizas moderner Lesart des Fado – klar getrennt durch einen kalkulierten Bruch: Feurig roter Bühnenhintergrund statt Schummerlicht, aus dem Off hallen Stimmengewirr und ein Chor, Schlagzeuger Hugo Marques gesellt sich hinzu und haut auf die Felle und aufs prominent in der Mitte seines Drumsets platzierte Cajón, als die fantastische Fadista in einem vamp-roten, schulterfreien Kleid die Szenerie betritt.

 Für Puristen mag er nichts sein, der Fado-Pop, der nun folgt, und man kann streiten, ob das nun eine Verwässerung oder eine Bereicherung ist, aber die meisten der neuen, Mariza auf die gelenkige Stimme geschneiderten Songs sind geschmackvoll und anmutig, bieten stabile Spannungsbögen und bergen manch überraschendes Break – von der kitschfreien Ballade Sem Ti mit ihrem unaufdringlichen Swing bis zur eingängigen Mundo-Single-Auskopplung Paxião.

 Ein Höhepunkt auch dieses Mariza-Konzerts ist ihre ungemein atmosphärische Interpretation von Barco Negro, verfasst von der wohl größten Fado-Sängerin, Amália Rodrigues. Die Zugabe darf das Publikum aussuchen, Mariza pickt sich aus den Zurufen das getragene Chuva (Jorge Fernando) heraus, schlägt damit den Bogen zu ihrem Debüt-Album. Sie singt es mitten im Publikum, streift dann lange und langsam zur Musik durch die Gänge, winkt, schüttelt Hände, verabschiedet sich. Kleine Fußnote: Ein Schnappschuss auf Marizas Facebook-Account zeigt sie Arm in Arm mit Chris de Burgh, der am selben Abend im Kieler Schloss auftrat.

www.shmf.de

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