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Feridun Zaimoglu: Die Zehn Gebote sind unverändert aktuell

Theater Feridun Zaimoglu: Die Zehn Gebote sind unverändert aktuell

Zeitlos gültig: Für den muslimischen Autor Feridun Zaimoglu haben die jüdisch-christlichen Zehn Gebote als ethische Richtschnur Bestand. Ein deutsch-israelisches Theaterprojekt zu den Zehn Geboten hat am Freitag in Kiel mit zwei Stücken eine Doppel-Uraufführung.

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Der Autor Feridun Zaimoglu.

Quelle: Gregor Fischer/Archiv

Kiel. Die Zehn Gebote aus der Bibel sind nach Ansicht des Kieler Schriftstellers Feridun Zaimoglu auch heute noch der Kompass für das Zusammenleben der Menschen. "Für mich sind die Zehn Gebote in der Thora und im Alten Testament für alle Zeiten gültig", sagte der türkischstämmige muslimische Autor der Deutschen Presse-Agentur zur Uraufführung der deutsch-israelischen Doppel-Inszenierung "Die Zehn Gebote" an diesem Freitag im Kieler Schauspielhaus.

Zaimoglu hat mit Koautor Günter Senkel eine Adaption des Stoffes am Beispiel der Belagerung Leningrads durch die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg geschrieben - mehr als eine Million Menschen kamen um. Das zweite Stück, das am selben Abend im selben Bühnenbild gezeigt wird, stammt vom israelischen Dramatiker Shlomo Moskowitz. Er verarbeitete die Zehn Gebote vor dem Hintergrund des Libanonkriegs von 1982. Beide Auftragsarbeiten entstanden unabhängig voneinander. "Ich lasse mich am Premierenabend selber überraschen", sagte Zaimoglu.

"Ich befasse mit seit 35 Jahren mit dem Judentum, Christentum und dem Islam", sagte der Autor. "Wenn es um die Zehn Gebote geht, dann muss es vor allem um die Übertretung dieser Gebote gehen. Wir wollten einen historischen Stoff, aber wir wollten nicht historisieren". Stalingrad sei vielen ein Begriff, dagegen werde das Aushungern Leningrads als Thema oft beiseite geschoben.

Er verstehe die Zehn Gebote als Handlungsanleitung mit der Maßgabe, sich nicht auf andere Wertvorstellungen zu beziehen als auf Gott. In Leningrad habe eine Kriegsrechtsmeute ein fremdes Land besetzt und dabei ihre Gottlosigkeit mit klingenden Worten geschmückt. "Das Alte Testament wurde von den Nazis als jüdisches Machwerk verdammt - man bezog sich trotzdem auf ein höheres Gut und es galt als gut, sich dafür zu opfern, vor allem aber das Blut der anderen, der sogenannten "Untermenschen" zu vergießen."

Er und Senkel hätten sich für ihr Stück eine Vorstellung gemacht von der Gottlosigkeit, um dann die grausamen Ereignisse von damals einigermaßen übersetzen zu können in Szenen: "Man hat ja sowohl im Faschismus wie im Kommunismus Gott abgeschafft und durch die eigene Rasse beziehungsweise Klasse ersetzt." Auf der einen Seite habe es die Verbrechen der Nazis, auf der anderen die Gulags, stalinistischen Todeslager gegeben. Wenn man Gott zum Teufel jage, entstehe eine Leerstelle. "Wir wollten Orte der Gottlosigkeit finden beziehungsweise Gottlosigkeit veranschaulichen, darum ging es uns!"

"Für mich gilt: Man soll anderen Menschen nicht wehtun", sagte Zaimoglu. Er sei kein Zyniker, sondern "ein altmodischer Humanist, der glaubt, das Gottesliebe ohne Menschenliebe nicht möglich ist". Anders als Ideologien sähen die Zehn Gebote den Menschen nicht nur als Kennziffer ohne Wert. Auf die Frage, ob die Zehn Gebote insofern auch eine Konstitution der Freiheit des Menschen seien, antwortete Zaimoglu: "Das ist großartig gesagt."

dpa

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