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Geschichte einer Heimatfindung

Feridun Zaimoglu Geschichte einer Heimatfindung

Mit leichter Erkältung kommt er von der Frankfurter Buchmesse und ist froh, „wieder in seiner Stadt zu sein“. Die Freude ist beiderseits. Noch kurz vor Veranstaltungsbeginn müssen die Plätze im Kulturforum aufgestockt werden. Denn Feridun Zaimoglu hat in Kiel nicht nur eine große Fangemeinde, seine Lesungen sind schon etwas Besonderes.

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Fesselnder Vortrag mit sanfter Stimme und tanzenden Handbewegungen: Feridun Zaimoglu.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Mit leichten, tanzenden Bewegungen der Hand gibt er den Takt vor für seine musikalisch rhythmisierten, hoch poetischen Texte, die er mit sanfter Stimme vorträgt. Sein 800 Seiten starker Roman Siebentürmeviertel sei unversehens „ein Epos geworden“, sagt er. „Der Ich-Erzähler ist der sechsjährige Wolf – ich bin Wolf.“ Der Junge ist mit seinem Vater aus Nazi-Deutschland nach Istanbul geflohen. Der Vater geht auf Abstand zu dem Kind, denn er gibt ihm die Schuld am Tod seiner Frau, die bei der Geburt gestorben war. Und so wächst der Junge bei einer türkischen Familie auf.

 Obwohl seine Mitschüler in ihm vor allem den Deutschen sehen, versucht Wolf, ein guter Türke zu sein. In der Schule möchte er den Lehrern gefallen, singt mit Inbrunst die Nationalhymne mit und schreibt, wenn das A geübt werden soll, gleich das gesamte Alphabet nieder. Wolf, dessen Anfangsbuchstabe im Türkischen nicht vorkommt, ist ein Junge, der bleiben will. „Man unterstellt mir, ich hätte den Spieß umgedreht und eine andere Einwanderungsgeschichte geschrieben“, so der Autor, der selbst im Alter von sechs Monaten mit seinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland kam, wo er zunächst in München und Berlin lebte und 1985 nach Kiel zog, um zu bleiben. „Doch der Roman erzählt vielmehr die Geschichte einer Heimatfindung.“

 Von seinem Protagonisten auf ihn selbst zu schließen ist nicht schwer, denn wie einst der heute 51-Jährige findet Wolf im neuen Land schnell eine Heimat. Der Ort der Handlung spielt dabei für Zaimoglu eine besondere Rolle. Sein Vater wuchs im Siebentürmeviertel auf, das geprägt war durch ein buntes Gemisch der Völker und Kulturen. In dieses „verzauberte Viertel“ emigrierten viele Deutsche während des Dritten Reiches und so ist der Roman, dessen blumige, dunkle, archaische Sprache die Klänge und Gerüche einer ganzen Stadt beschwören kann, auch ein historischer Roman über das Leben der deutschen Auswanderer in der Türkei.

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