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Beethoven und immer wieder Beethoven

Festspiele Mecklenburg-Vorpommern Beethoven und immer wieder Beethoven

Wer von Waren an der Müritz in Richtung Teterow fährt, um zum Schloss Ulrichshusen zu gelangen, der muss schon sehr wachsam sein, um die kleine Landstraße nicht zu verpassen, die ihn zu dem malerisch gelegenen Renaissanceschloss bringt, das nach einem verheerenden Brand (1987) jetzt wieder von von der Familie Maltzahn, den Nachkommen des Erbauers, liebevoll aufgebaut worden ist.

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Schloss Ulrichshusen

Quelle: Jürgen Gahre

Ulrichshusen. Es liegt an einem kleinen, schilfbewachsenen See inmitten sanfter Hügel, weiter Felder und großer Waldflächen. Dass dieses Schloss mit seiner geräumigen Festspielscheune, der Remise, dem Restaurant „Am Burggraben“ und der alten Stellmacherei das, wie es sich nennt, „Herz der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern“ ist, merkt man sogleich, wenn man am Ortseingang ein großes Porträt von dem berühmten Geiger und Dirigenten Yehudi Menuhin sieht, der 1994 die Festspielscheune einweihte und so den gerade erst gegründeten MV Festspielen durch seinen klangvollen Namen zu erstem Glanz verhalf.

 Vom 11. bis 13. September stand das Jahr 1808 im Mittelpunkt: Die Kompositionen von Beethoven aus dieser Zeit ebenso wie Bilder von Kaspar David Friedrich, Kleists Kommentare zu Friedrichs Bildern, Goethes „Faust“, Alexander von Humboldts bahnbrechende „Ansichten der Natur“, Goethes Begegnung mit Napoleon, Fichtes „Reden an die deutsche Nation“ und manches mehr. Schwerpunkt dieses „Panoramas eines Epochenjahres“ war natürlich Beethoven, der in diesem für ihn so fruchtbaren Jahr 1808 nicht nur seine drei „Rasumowski-Quartette“ veröffentlichte, sondern auch die beiden Klaviertrios Opus 70, die Sinfonie Nr. 6, die „Pastorale“, und das Klavierkonzert Nr. 4 in G-Dur. Hanjo Kesting, dessen von Peter Simonischek und Brigitte Karner vorgetragene, geschickt zusammen gestellte Textcollage alle wichtigen Themen dieses Jahres berührte, ließ es sich nicht nehmen, aus den Aufzeichnungen eines Zeitgenossen zu zitieren, der bei dem von Beethoven veranstalteten Mammutkonzert in Wien am 22. Dezember 1808 anwesend war: „Wir haben in der bittersten Kälte von halb sieben bis halb elf ausgehalten, und die Erfahrung bewährt gefunden, dass man auch des Guten – und mehr noch des Starken – leicht zu viel haben kann.“ Und was präsentierte der Bonner Meister seinem Publikum? Die Phantasie für Klavier, Chor und Orchester, die Uraufführung der 1807/08 entstandenen 5. und 6. Symphonie, das 4. Klavierkonzert, Teile aus der C-Dur Messe und manches mehr. Das waren vier Stunden großer Musik, die vom Zuhörer höchste Konzentration und das Vermögen, sich auf Ungewohntes einzulassen, verlangten – und das in einem unbeheizten Raum kurz vor Weihnachten! Kestings Collage war nicht nur unterhaltsam und spannend, sondern gewährte auch einen tiefen Einblick in ein in seinen Dimensionen und in seiner Vielfalt wohl einmaliges Jahr in der deutschen Kulturgeschichte.

 Obwohl an drei Tagen neun Veranstaltungen stattfanden, konnten nicht alle Werke Beethovens aus diesem ungewöhnlich schöpferischen Epochenjahr aufgeführt werden. Das MV-Festival ist in der glücklichen Lage, für einen Großteil seiner Konzerte auf ehemalige Preisträger zurück greifen zu können. Das sind Künstler (die „Junge Elite“), die im Rahmen des MV-Festivals ihre Karriere begonnen haben, jetzt längst einen „big name“ haben und immer wieder gerne nach Mecklenburg-Vorpommern zurück kommen. So auch die Geigerin Veronika Eberle und der Cellist Sebastian Klinger, die dem Publikum in einem Komponierwerkstatt-Gespräch mit dem Musikkritiker Uwe Friedrich einen Einblick in Beethovens manchmal sehr mühevollen Schaffensprozess verschafften, und zwar anhand der so spontan klingenden, melodisch frei strömenden Cello-Sonate A-Dur op. 69, der man keineswegs das harte Ringen des Komponisten um die endgültige Form anhört. Im Abendkonzert spielten sie dann mit dem Pianisten Michail Lifits das „Geistertrio“, dessen Schwesterwerk op. 70, Nr. 2 in Es-Dur und das (freilich erst 1811 entstandene) „Erzherzog-Trio“ op. 97 in B-Dur. Die drei Musiker interpretierten die Trios mit leidenschaftlicher Hingabe, ließen gelegentliche Schroffheiten bewusst zu, ohne jedoch die klassizistische Ausgeglichenheit dieser Werke zu gefährden.

 Und dann das Schumann Quartett! Was für vier herrliche Musiker! Nein, nach dem Komponisten Robert Schumann haben sie sich nicht benannt, als sie 2007 zum ersten Mal öffentlich auftraten. Drei von ihnen, Erik, Ken und Mark, sind Brüder und heißen mit bürgerlichem Nachnamen ganz einfach Schumann. Zu ihnen hat sich die Violaspielerin Liisa Randalu gesellt. Was soll man bei diesem Quartett am meisten loben? Wo anfangen, wo aufhören? Ihr Auftritt im Schlosssaal von Ulrichshusen mit den drei Rasumowski-Quartetten kam einer Sensation gleich. Sie sind trotz intensiver und genau durchdachter Vorbereitung risikofreudich, lassen Spantaneität zu und finden für jedes Werk einen unverwechselbaren Ton. Partiturtreue und bestmögliche Transparenz? Für sie eine Selbstverständlichkeit! Und dass sie technisch brillant und intonationsgenau sind, versteht sich von selbst. Der Primarius Erik Schumann bringt das Geheimnis ihres Erfolges auf den Punkt, wenn er sagt: „Nach aller Vorbereitung muss die Musik durch uns hindurchfließen, man muss frei sein, damit sie entstehen kann.“ Was Wunder, dass die drei Rasumowskis durch die Schumanns eine derart profilierte und intensive Interpretation erfahren haben, dass man glauben könnte, sie zum ersten Mal in ihrer ungeheuren Kühnheit und Komplexität gehört zu haben.

 In der Festspielscheune erklang zum Abschluss des dreitägigen „Pavillon 1808“ die Sinfonie Nr. 6, die „Pastorale“ – ein eindrucksvoller Kontrast zu Caspar David Friedrichs Gemälde „Der Mönch am Meer“, das nach Meinung von Kilian Heck und Jörg Trempler die existenzielle Grundeinsamkeit, die Unbehaustheit des Menschen im Universum darstellt. Bei Beethoven aber können wir schon von den Titeln der einzelnen Sätze ein grundsätzlich anderes Naturgefühl ablesen: „Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande“ nennt er den ersten Satz und beendet die Sinfonie mit „Hirtengesang, frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm“. Auch solche Gegensätze prägen das Jahr 1808, das den einen oder anderen Zuhörer gewiss auf viele der hier angerissenen Themen neugierig gemacht hat. Was für ein schöner Anreiz zum häuslichen Studium!

 www.festspiele-mv.de

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